Von der Utopie zur neototalitären Ideologie

von Felix Menzel vom 6. Juli 2021.

Im neuen Buch von Friedrich Pohlmann über „Das Reich der großen Lüge“ ist ein aufschlußreicher Essay über Utopievarianten enthalten. Sie alle seien „Phantasien der Flucht aus den Zumutungen der Moderne in ein Nirgendwo der stillgestellten Zeit, in die immerwährende große Harmonie ewiger Infantilität“, und basierten auf unserer anthropologischen „Fähigkeit zur Selbsttranszendierung“.

Diese Selbsttranszendierung entlastet „vor dem Druck der Ersten Realität“ (Eric Voegelin). Sie verleitet zu konstruktivistischen Fehlschlüssen und kann so zur Selbstdeformation führen, aber unbestritten ist sie natürlich auch ein unbändiger Motor des technischen Fortschritts. Bemerkenswerterweise träumen die meisten Utopisten von heute jedoch nicht mehr von Flugtaxis, obwohl sie entwickelt werden, und neuen Prothesen, die den Menschen leistungsfähiger machen. Wie Sigmund Freud 1930 in seiner weltberühmten Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ richtig diagnostizierte, macht die Gottähnlichkeit den Menschen eben nicht glücklicher.

Wohl deshalb operieren die Anhänger und Ingenieure technischer Machbarkeitsutopien lieber im Hintergrund und überlassen anderen die große Bühne der Öffentlichkeit. Somit tummeln sich dann dort gar keine Fortschrittsfreunde, sondern viel eher linke Fortschrittsfeinde, die eine „weitgehend vaterlose Gesellschaft“ ohne Eigenverantwortung anstreben und vor der Unberechenbarkeit der Welt Angst haben, so Pohlmann.

Daraus ergibt sich, welche zwei Utopievarianten derzeit Konjunktur haben und miteinander verknüpft wurden. Auf individueller Ebene wird die Utopie vom „guten Menschen“ propagiert, der weltoffen und tolerant durchs Leben geht. Seine Freiheit nutzt er stets nur dazu, das Richtige zu tun. Auf kollektiver Ebene wird währenddessen ein Schlaraffenland angepriesen, das in Form der Konsumgesellschaft bereits teilweise verwirklicht wurde, aber nun zur Null-Risiko-Gesellschaft weiterentwickelt werden müsse.

In dieser Null-Risiko-Gesellschaft gibt es Gewinn ohne Wagnis, einen Sozialstaat für alle Lebenslagen und aus der Natur gewonnene Energie ohne schädliche Nebenwirkungen. Zudem verbreitet diese Gesellschaft den Glauben, alle Krankheiten könnten besiegt werden, wenn sich denn nur alle Menschen korrekt verhielten. Die „Wissenschaft“, mit der das Schlaraffenland realisiert werden soll, ist die Geldpolitik, bzw. genauer: die Modern Monetary Theory. Sie befeuert die Illusion vom Helikoptergeld, das einfach so vom Himmel regnet, ohne eine Inflation auszulösen.

Um zugleich der Utopie vom „guten Menschen“ näherzukommen, wird die „Wissenschaft“ der Verhaltenssteuerung professionalisiert. Seit Karl Marx sind Wissenschaft und Utopie keine Gegensätze mehr. Denn nicht nur Sozialisten haben erkannt: Indem „die Utopie als Wissenschaft verkleidet“ werde, läßt sich ihr Anspruch auf ein Wahrheitsmonopol besser begründen. Dabei entsteht allerdings eine totalitäre Ideologie, warnt Pohlmann.

Am leichtesten nachzuvollziehen ist diese Wandlung von der „Wissenschaft“ zur utopischen, neototalitären Ideologie mit dem Ziel der Verhaltenssteuerung anhand der Genese jener Sprachvorschriften, die in den letzten Jahren etabliert wurden. Die neototalitäre Sprachkontrolle der Gegenwart beruht auf dem durchaus verständlichen Anliegen der Diskursanalyse aus den 1970er-Jahren, die Disziplinarmacht dominierender Denkströmungen zu durchschauen. Schnell merkte man allerdings, daß man – sobald dies geschehen ist – ja auch selbst zur Sicherung der erlangten Macht andere im eigenen Sinne disziplinieren kann. Dies soll freilich nur der Utopie vom guten Menschen dienen, zerstört aber letztendlich den freien Handlungsspielraum der Ersten Realität.

Bild: Das Schlaraffenland. Pieter Brueghel der Ältere, 1567

Friedrich Pohlmann: Das Reich der großen Lüge.

Essays zur Transformation Deutschlands. Werkreihe von TUMULT #12.

Friedrich Pohlmann, Soziologe und TUMULT-Autor, geht auf die geistigen Auszehrungsprozesse und ideologischen Umerziehungsprogramme ein, die die Deutschen zu den Entmutigern ihrer selbst gemacht haben. Es geht um Vaterlosigkeit, 1968, das Elend der Utopien, Verschwörungen in Theorie und Praxis, Mut, Feigheit sowie um die Frage, wie im 2. Corona-Jahr kollektiver Widerstand nicht nur notwendig, sondern auch möglich werden kann. Das große finstere Etwas, das uns beständig Angst machen will, bekommt endlich Kontur.

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