Vom Recht auf Tragik. Zum EM-Finale 2021

Von Stefan Flach vom 12. Juli 2021.

Erinnert man sich noch an das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich 1982? An die Verlängerung (3:3 nachdem es nach 90 Minuten 1:1 gestanden hatte)? An das Elfmeterschießen? Genau. Das war „Die Nacht von Sevilla“. Wer damals zugegen war, und sei es am Fernseher, erinnert sich daran, als wäre es erst vorgestern gewesen. Die Gegenwart der Dramatik und hin- und her wechselnden Tragik hat sich als einschneidendes Erlebnis eingebrannt.

„Bei dem Elfmeterschießen verschoß …“ und Sie wissen bereits, welcher Name nun folgt. Nämlich nicht der des Franzosen Maxime Bossis, der zu guter Letzt an Toni Schumacher scheiterte, was Deutschland den Sieg einbrachte, sondern der von Uli Stielicke. Der Verteidiger hatte als dritter deutscher Schütze den Ball nicht versenken können, woraufhin er im Wortsinn zusammenbrach. Er fiel unmittelbar auf die Knie und vergrub den Kopf unter seinen Händen, so als ob er, nachdem er eine nationale Schande auf sich geladen hatte, keiner lebenden Seele mehr unter die Augen treten wollte.

Die Reaktion war keine Geste für das Publikum, nicht theaterhaft einstudiert für den Fall der Fälle, sondern ein genuiner Ausdruck des persönlichen Gefallenseins und der Schmach.

Und erinnert man sich noch, was dann geschah? Pierre Littbarski, der unvergessene kleine, X-beinige Mann vom 1. FC Köln, kauerte sich zu Stielike runter, umarmte ihn tröstend. Diesen Moment begutachtete die TV-Kamera so lange, daß sie gar nicht den Elfer zeigte, den der Franzose Didier Six nun schoß – und verschoß. Der Fernsehzuschauer sah allein, daß „Litti“ Stielike an der Schulter nahm und gerufen haben muß: „Sieh nur! Der andere hat auch versagt! Wir sind wieder da!“

Tragik – Schande – Schmach. Das sind Begriffe aus einer verblassenden Welt. Wer sie heute noch verwendet, outet sich als unentspannter Altgestriger. Und doch bezeichnen sie in probater Härte genau das, was ein Uli Stielike vor 39 Jahren empfunden haben muß, auch wenn es angesichts der weiteren Elfmeter keinen Schatten auf sein weiteres Leben warf, sondern höchstens auf 1 Minute. An der abgründigen Totalität der mit den Begriffen einhergehenden Gefühle ändert das jedoch nichts. So man sie denn empfindet!

Am 11. Juli 2021 gab es wieder ein Elfmeterschießen, im EM-Finale zwischen England und Italien, der Ausgang ist bekannt. Drei Engländer, von denen zwei zuvor ALS ELFMETERSCHÜTZEN eingewechselt worden waren, versagten. Nun schreit die Presse weltweit auf, daß diese Spieler, wie durch Zufall nicht hellhäutig, nach dem Spiel von tief enttäuschten Fans „rassistisch“ beschimpft worden seien. Nun, abgesehen davon, daß wir hier beim Fußball sind und diversester Unflat von Stadionbesuchern gegenüber Spielern etwas völlig Normales ist, darf gefragt werden: Was wäre, wenn der letzte Schütze Bukayo Saka unwillkürlich IM ERDBODEN HÄTTE VERSINKEN WOLLEN wie weiland Uli Stielike? Und damit klargestellt hätte, daß ER die – in diesem Moment – absolute Niederlage der englischen Fußballnation auf die eigenen Schultern nimmt, in aller TRAGISCHEN VERANTWORTLICHKEIT? Wäre er, dieser junge Fußballmillionär, dann von manchen Fans beschimpft worden, ob welcher äußeren Merkmale auch immer?

Die Antwort muß nein lauten. Es wäre zu einer feierlichen schmerzhaften Totenwache gekommen. Die Fans hätten dem Spieler auf dem Feld beigewohnt – länger als die durchschnittliche Sendezeit erlaubt – und er ihnen. DIESEN einen Ball, mehr als den Elfmeter, hat der Spieler vergeben bzw. ist nicht mal zum Schuß angetreten. Und das nahmen die Fans, die während des Spiels Herzblut geschwitzt hatten, ihm übel. Warum auch nicht? Sie forderten nichts anderes als den gemeinsamen Vollzug der Tragik, die sie alle ereilte. Und dieser braucht jemanden, der vorangeht, der sich als Schuldiger DARBRINGT. Ein unscheinbarer Verteidiger mit einem heute undenkbaren Schnauzbart wußte sowas instinktiv noch.

Roger Scruton: Bekenntnisse eines Häretikers.

Während der Zeitgeist einmal mehr nach Utopia entwischt, betrachtet Roger Scruton die sitzengelassene Gegenwart: in zwölf Essays denkt er nach übers Regieren, Bauen und Tanzen, über das Sprechen vom Unsagbaren, über Trauern und Sterben, darüber, wie so getan wird, als ob, wie Leute sich hinterm Bildschirm verstecken, wie Tiere geliebt und Etiketten geklebt werden, über das Bewahren der Natur und die Verteidigung des Westens.

Ein Gedanke zu “Vom Recht auf Tragik. Zum EM-Finale 2021

  1. So ziemlich die besten Worte zu dem Affentheater.
    An erwähntes Spiel erinnere ich mich auch noch, mit all der Dramatik.
    Das hatte nix mit irgendwelchen Hautfarben oder triebhaften Gelüsten zu tun, das war einfach… Fußball.

    Grüße!

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