Causa Bernig, eine kurze Presseschau.

von Felix Menzel vom 27. Mai 2020.

In Radebeul, einer Kleinstadt vor den Toren der sächsischen Landeshauptstadt Dresden, soll in guter, alter Erfurter Tradition solange gewählt werden, bis Jörg Bernig nicht länger neuer Kulturamtsleiter ist.

Ihm werden seine Kontakte zu den Zeitschriften TUMULT und Sezession vorgeworfen. Bernig hatte dort Gedichte veröffentlicht, aber sich in den letzten Jahren auch mehrfach kritisch zum „bösen guten Willen“ bei der „Weltrettung und Selbstaufgabe in der Migrationskrise“ (Lothar Fritze) geäußert. Für eine Verdammung reicht das heutzutage bekanntlich bereits aus.

Man darf davon ausgehen, daß das alle Stadträte in Radebeul wußten, als sie sich zwischen Bernig und einer Kandidatin des linken Lagers entscheiden mußten. Umso überraschender ist der Ausgang der ersten Wahl, da sich recht viele Abgeordnete der Altparteien gegen die Abgrenzungsdoktrin ihrer Parteioberen gestellt haben müssen.

Die vom parteilosen Oberbürgermeister Bert Wendsche angeordnete Wiederholung der Wahl am 15. Juni dürfte indes anders ausgehen. Einige CDU-Stadträte haben inzwischen angedeutet, ihr Abstimmungsverhalten zu überdenken. Somit dürfte es so kommen, wie es immer kommt: Konservative stehen auf verlorenem Posten und die unangefochtene Dominanz der Linken im subventionierten Kulturbetrieb bleibt vorerst auch in den gallischen Dörfern Sachsens bestehen.

Trotzdem gibt es Indizien dafür, daß die Erzählung über die bösen Rechten, die „vom Büchermensch zum Mörder“ werden, immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert. Das liegt im aktuellen Fall vor allem an Jörg Bernig selbst. In der Tagesstimme schreibt Bettina Gruber über ihn:

„Wer ist der Mann, und wodurch ist es ausgerechnet einem introvertierten Naturlyriker gelungen, diesen Aufruhr auszulösen? Nach den Reaktionen zu schließen doch allermindestens Mitglied in drei Neonazi-Organisationen, aggressiver Dauerdemonstrant und Reichsbürger mit Waffenarsenal?! Zur Einordung ein paar Angaben zur Vita des Autors: Bernig ist zunächst einmal Mitglied dreier Akademien: der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und Künste (seit 2017 als Stellvertretender Sekretär der Klasse Literatur- und Sprachpflege), der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Sudetendeutschen Akademie der Künste und Wissenschaften. Mitgliedschaften dieser Art stellen traditionellerweise einen Ritterschlag für den Geehrten dar. Seine literarische Arbeit wurde unter anderem mit Stipendien der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Deutschen Literaturfonds sowie mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (Förderpreis) und dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet.“

Es sind jedoch nicht nur die Medienprojekte der patriotischen Gegenöffentlichkeit, die Bernig unterstützen. Sogar die Sächsische Zeitung(Bezahlschranke) stellt die richtigen Fragen. Als erstes kritisiert sie die Skandalisierung durch die Medien. Woher wollen sie wissen, „dass im nichtöffentlichen Teil einer Stadtratssitzung in geheimer Wahl tatsächlich die CDU- und AfD-Stadträte für Bernig stimmten?“

Als zweites fragt Autor Peter Anderson nach der Ungleichbehandlung von angeblich „rechten“ Schriftstellern und linken Politikern: „Warum soll sich eine sächsische Kleinstadt nicht einen Kulturamtsleiter leisten können, der mitunter quer denkt, während im Kabinett des Freistaates die Bündnisgrüne-Justizministerin Katja Meier sitzen darf, welche in ihrer Jugend zu Liedzeilen wie ‚Advent, Advent – ein Bulle brennt‘ munter den Bass zupfte?“

Die dritte Frage beschäftigt sich schließlich mit den Kulturschaffenden aus Radebeul, die mit einem offenen Brief gegen Bernig protestierten: „Haben die Unterzeichner je eine Zeile von Bernig gelesen? Kennen sie seine Aufsätze für Tumult oder Sezession? Warum gestehen sie ihm nicht zu, Amt und essayistische Provokation trennen zu können?“

(Bild: Pixabay)


Jörg Bernig. An der Allerweltsecke.

Band 2 der Reihe Exil.

«So’ne Geschichten» sind das, die uns der Lyriker und Romancier Jörg Bernig in seinen Essays erzählt. Ihn führen Streifzüge auf den Balkan uns ins östliche Mitteleuropa, in Zonen der Verwerfungen und Brüche, die Bernig als zerfurchte, doch damit eben auch fruchtbare Äcker kenntlich macht: Aus ihnen wuchs und wächst, bei allem Streit, die kulturelle Vielfalt Europas. Sei es beim Besuch der serbischen Hauptstadt Belgrad, bei der Fahrt durch Bosnien und Herzegowina, beim Gang auf den schlesischen Zobtenberg oder mit Blick aufs böhmische Isergebirge: Bernig gelingt es, aus den Landschaften heraus Geschichte und Zusammenhänge anschaulich zu entwickeln und dies mit einer grundlegenden Reflexion zu verknüpfen. Damit sind seine Essays Versuche im besten Sinn – aus dem Versuch, ein europäisches Erbe kritisch zu wägen, entsteht so die Versuchung, sich dem grassierenden Geschwätz zu entziehen und die eigenen Grundlagen selbst zu bedenken.

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