Zurück zum ewigen Europa!

von Felix Menzel.

Nach großen Katastrophen wie dem Zweiten Weltkrieg ist ein Neuanfang nur möglich, wenn Traditionen geglättet werden. Das heißt: In der Stunde Null muß die Vergangenheit und das Beharren auf politischen, ideologischen und kulturellen Nuancen zurücktreten. Die schreckliche Vergangenheit muß ihre Dominanz verlieren, indem sich aus einer Erschöpfung heraus auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt wird.

In der Nachkriegszeit gelang es Westeuropa – bedingt durch die weiter schwelende Bedrohung durch den Kommunismus – sehr schnell, einen solchen Minimalkonsens zu finden. Er bestand aus Antitotalitarismus, einem substanzarmen, christlichen Pragmatismus, der Katholiken und Protestanten vereinte, sowie Liberalismus amerikanischer Prägung. Die CDU verkörperte diesen Geist am meisten, während die SPD unter dem Vorsitzenden Kurt Schumacher nationale Selbstbestimmung und ein „Europa der gleichberechtigten, freien Völker“ favorisierte.

Für Deutschland hatte diese Vergangenheitsvergessenheit den Vorteil, zügig mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau beginnen zu können. Für die anderen westeuropäischen Nationen hatte sie indes den Vorteil, dass sie zunächst Kolonialmächte bleiben konnten und ihr Engagement in Afrika nach 1945 zum Teil sogar ausbauten. Aus geopolitischen Gründen hat Europa schließlich gar keine andere Wahl, als Rohstoffe entweder aus Asien (Rußland/China) oder Afrika zu beziehen. Nebenbei: Die Erzählung von der Europäischen Union als „Friedensprojekt“, besiegelt durch die Friedensnobelpreis-Verleihung 2012, beinhaltet allein schon aufgrund der blutigen Kämpfe der europäischen Kolonialmächte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr Schein als Sein.

Doch zurück zum Kern: Die Vergangenheitsvergessenheit, die notwendig war, um in der Stunde Null eine neue Gemeinschaft zu schmieden, hatte auch einen entscheidenden Nachteil: Sie mußte früher oder später in eine obsessive, hypermoralische Vergangenheitsbewältigung umschlagen, weil der Vorwurf einer bisher lediglich oberflächlichen Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und den eigenen Verbrechen nicht gänzlich unberechtigt war.

Wohin all das geführt hat, ist bekannt: Europa mangelt es an militärischer Unabhängigkeit. Aus Angst vor eigener Stärke versteckt es sich im Schatten Amerikas. Die Europäische Union entwickelte sich derweil zu einem sanften bürokratischen Monster und zerstört durch Schuldenvergemeinschaftung die verbliebenen ökonomischen Schwergewichte.

Die Frage bleibt: Wäre es nach 1945 möglich gewesen, Europa auf einem anderen, einem besseren Fundament wiederaufzubauen? Oder ist das Träumerei, die beste Lösungen anstrebt, obwohl gerade konservative Skeptiker lehren, sich mit „Vizelösungen“ und „zweitbesten Möglichkeiten“ (Odo Marquard) zufriedenzugeben, da andernfalls die Gefahr droht, sich in einem Fundamentalismus zu verirren? Marquard betonte auch, daß Modernisierungen „grundsätzlich traditionsneutral“ operieren. Ist die Europäische Union also tatsächlich alternativlos gewesen?

Es bringt nichts, über die Vergangenheit zu lamentieren. Es ist so, wie es ist. Und Vergangenheitsvergessenheit ist bekanntlich eine Notwendigkeit, um einen Neuanfang wagen zu können. Von daher, nur Mut den roten Faden der Europäischen Union zu durchschneiden!

Diesen Mut bringen die Autoren des neuen Sammelbandes Europa Aeterna zweifelsohne auf. Ihr Ansatz ist es dabei, der jüngeren Vergangenheit ihre Dominanz zu nehmen und stattdessen viel weiter zurückzuschauen auf über zweitausend Jahre europäische Kultur.

Aus meiner Sicht besonders zu empfehlen sind

+ der Aufsatz von Philipp Bender über die „Notwendigkeit einer Verfassung“,

+ die Überlegungen von Heinz Theisen über die „Gegenseitigkeit von Kultur und Zivilisation“ sowie zur „Nahraumsolidarität“ als Ausgleich der Globalisierung,

+ die Herleitung von Chantal Delsol, warum ein Staat auf Ewigkeit eingerichtet werden muß, um sowohl den Toten als auch den eigenen Nachkommen eine Stimme in der Demokratie zu geben,

+ die Erklärung von Andreas Kinneging zum „guten Leben“ eines Europäers, das nur zurückgewonnen werden könne, wenn mit der Tradition der „Lustmaximierung und Schmerzminimierung“ gebrochen werde, sowie

+ die Betrachtung der „Selbstübertreffung“ durch Herausgeber David Engels.

Bild: Flagge der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Die Sterne stehen für Belgien, Frankreich, Westdeutschland, Italien, Luxemburg und die Niederlande.

David Engels: Europa Aeterna

Was ist Europa? Hat unsere Zivilisation noch eine Zukunft? Und wer will sich überhaupt noch für ihr Überleben einsetzen?

Als Valéry Giscard d‘Estaing 2003 sein Projekt einer europäischen Verfassung vorlegte, forderten seine Kritiker, daß sämtliche Verweise auf die konstitutiven Identitätsschichten der Europäer gestrichen werden. Es blieb eine Liste beliebig interpretierbarer „universaler Rechte“, die auch von zahlreichen außereuropäischen Nationen geteilt werden können.

Der vorliegende Band mit Beiträgen namhafter europäischer Intellektueller gründet auf dem Gedanken des Hesperialismus, das heißt der Notwendigkeit eines geschichtsbewußten abendländischen Patriotismus.

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