Der religiöse Ursprung des Liberalismus

von Felix Menzel vom 23. April 2021.

Der Liberalismus wird häufig mit einer rationalen, zum Teil sogar atheistischen Weltsicht assoziiert. In diesem Zusammenhang heißt es mitunter auch von Kritikern, ein liberales System könne nur funktionieren, wenn alle Menschen mit einer „Schweinchen-Schlau-Mentalität“ durchs Leben gingen. Das sei aber weder wünschenswert noch realistisch.

Libertären wie Hans-Hermann Hoppe kommt dieses Narrativ seiner Gegner sehr zupaß. Denn indirekt unterstützt es die Möglichkeit der von ihm gewünschten „natürlichen Ordnung“. Offen bleibt lediglich die Frage, ob dieser angeblich „natürliche“ Zustand gut oder schlecht ist. Die Liberalen bejahen dies mit jeweils unterschiedlichen Einschränkungen. Sozialistische und konservative Interventionisten melden hingegen Zweifel an.

Auf die Idee, daß bereits die akzeptierte Frage eine hochproblematische Ideologie reproduziert, kommen indes die wenigsten. Zu ihnen zählt allerdings zum Glück der Universalgelehrte Rolf Peter Sieferle, der in seiner Studie über „Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt“ minutiös die Karriere der Metapher von der „unsichtbaren Hand“ nachverfolgte.

Sieferle gelingt es dabei eindrucksvoll, den religiösen Ursprung der Grundannahmen des Liberalismus freizulegen. Zwar rückten die Liberalen vor rund 250 Jahren davon ab, das Weltgeschehen auf eine göttliche Intention zurückzuführen. Wenn jedoch eine „unsichtbare Hand“ für Harmonie und Gleichgewichte sorge, sei wiederum eine metaphysische Instanz im Spiel, auf die sich die Menschen verlassen könnten. Der Liberalismus agiere also „mit gezinkten Karten“ und könne so sehr erfolgreich sein Scheitern vertuschen, meint Sieferle. Relevant für die Gegenwart ist diese historische Analyse vor allem für Debatten um demographische Vorgänge und die Umwelt.

Zunächst zur Demographie: Die biblische Schöpfungsgeschichte von Adam und Eva, die sich nach Gottes Willen vermehren sollen, liefert eine Begründung für rasches Bevölkerungswachstum, an die der Liberalismus direkt andocken konnte. Gerate dieses Wachstum außer Kontrolle, liefere eine Sintflut den notwendigen Gegenimpuls.

Angenommen, Corona hat nicht die Qualität und Quantität einer solchen Sintflut, rückt das postulierte Gleichgewicht allerdings in immer weitere Ferne. Zwischen 1950 und 2050 dürfte sich die Weltbevölkerung von 2,5 auf 9,7 Milliarden Menschen fast vervierfachen. Zugleich scheint die kommerzielle Gesellschaft des Westens tatsächlich ein „singuläres Phänomen“ mit einem unaufhaltsamen Bevölkerungsrückgang zu sein.

Von Selbstregulation ist hier keine Spur. Im Gegenteil: Sieferle dokumentiert die sehr situationsabhängige Bevölkerungspolitik in Europa der zurückliegenden Jahrhunderte. Alle Versuche, Kinderreichtum zu fördern oder ihn – wie im 19. Jahrhundert – zu verhindern, liefen trotzdem weitestgehend ins Leere.

Das im Sinne einer Veränderung erfolgreichste und daher wohl auch beliebteste Instrument sei da noch die Migrationspolitik gewesen. Die eigenen Bürger regelrecht zur Auswanderung zu drängen, war stets dann en vogue, wenn ein Staat weder Lebensmittel noch gute Perspektiven bieten konnte. Der Ruf nach Einwanderung erschallt im Gegensatz dazu zuverlässig, wenn es im eigenen Volk zu einer Geburtenverweigerung kommt. Wohin das führt, hat Roy Beck mit ein paar Gummibällen gezeigt. Diese harten Fakten sind es, auf die Liberale Antworten finden müssen, aber bisher nur unbeholfen auf eine rettende, unsichtbare Hand aus dem Nichts verweisen.

Zu guter Letzt noch zur Umwelt: Je mehr Menschen es gibt, desto größer dürfte die Umweltverschmutzung werden. Daran ändert auch ein bisschen Kosmetik in Form einer geringfügigen CO2-Reduktion nichts (Klimadebatte) und das kann auch die Macht des technischen Fortschritts mit umweltschonenderen Kraftwerken kaum bewerkstelligen. Einzig der ethisch verwerfliche ökototalitäre Ansatz eines Tabula rasa wäre in der Lage, fundamental etwas zu bewirken. Solange aber die Schwelle, ab der Umwelteingriffe tatsächlich katastrophale Auswirkungen haben, unbekannt ist, bleibt das indiskutabel und liefe auf Terrorismus à la Ted Kaczynski oder Selbstmord aus Angst vor dem Tod hinaus.

Was folgt daraus? Das ist der zweite Schritt vor dem ersten. Zunächst sollte es darum gehen, unsere Lage präzise und nüchtern zu erfassen. Und um das leisten zu können, sei eindringlich dazu geraten, Sieferle zu lesen!

(Bild: Michelangelo)

Die Krise der menschlichen Natur & Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt.

Einem größeren Kreis ist Rolf Peter Sieferle heute als politischer Autor bekannt. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß er ein umfangreiches wissenschaftliches Werk hinterlassen hat. Zu den wichtigsten Arbeiten aus seiner Feder gehören die hier in einem Band zusammengestellten Bücher Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt sowie Die Krise der menschlichen Natur. Das die beiden Titel verbindende Thema ist jene große Transformation, die seit dem 18. Jahrhundert zur Ablösung des älteren – von der christlichen Religion wie dem Erbe der Antike – bestimmten Weltbildes durch ein neues führte. Nach Sieferles Meinung spielte dabei die Aufklärung nur eine Nebenrolle, da sie im Grunde weiter eine stabile, entweder in sich ruhende oder immer wieder ausgleichende Natur vorstellte. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts wuchsen Zweifel an diesem Modell. Der „Malthusianismus“ mit seiner Angst vor den Folgen einer Überbevölkerung war insofern symptomatisch. Allerdings konnte sich sein pessimistisches Deutungsmuster nicht gegen die optimistischen des Liberalismus wie des Sozialismus durchsetzen. Beide kehrten zu einem harmonischen Naturbild zurück, verknüpften es aber wirkungsvoll mit der Erwartung unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums und fortschreitender Weltverbesserung. Für eine gewisse Zeit glaubten die Anhänger der beiden Ideologien sogar, daß die Evolutionstheorie Charles Darwins sie bestätige. Erst nach und nach begriffen sie, daß die Vorstellung vom Struggle for Life andere und härtere Lehre bereithielt. Der, wie Sieferle ihn nannte: „eigentliche Sozialdarwinismus“ bot dagegen ein revolutionäres Modell der Daseinsdeutung, die auch in die mörderische „Biopolitik“ des NS-Regimes mündete. Die aus der Abwehr dieser Konsequenz resultierende „Naturblindheit“ moderner Weltanschauungen hielt Sieferle allerdings für einen Fehler, den es zu korrigieren gelte.

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