In der Arena (I): Arnold Gehlen vs. Theodor W. Adorno

Von Tano Gerke vom 10. November 2020.

Die Antagonisten Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno trafen für einen intellektuellen Schlagabtausch mehrmals aufeinander. Ihrer Rolle in einer öffentlichen Inszenierung waren sich die beiden durchaus bewusst. Dennoch zeugen die Aufeinandertreffen „in der Arena“, wie Adorno nicht ganz unironisch zuspitzte, von einer kultivierten Art des Diskussionsführung, die man heute im öffentlichen Diskurs sowie an den Universitäten schmerzlich vermisst.  

Arnold Gehlen gilt als eine der exponiertesten konservativen Stimmen in den frühen Jahren der Bundesrepublik. Wissenschaftliche Berühmtheit hatte Arnold Gehlen bereits in den Jahren zuvor, unter gänzlich anderen politischen Vorzeichen erlangt. Mit „Urmensch und Spätkultur“ aus dem Jahr 1933 entwarf Gehlen eine Philosophie der Institutionen und schaffte ein bis heute in Teilen gültiges anthropologisches Grundlagenwerk. Doch mit den politischen Herrschaftssystemen wandelte sich die Gegenwart und somit auch die von Gehlen skizzierten anthropologischen Kategorien. Diese Transformation bot für Gehlen zugleich eine Chance, die er zu nutzen wusste. Der charmante Anthropologe betätigte sich nunmehr als Intellektueller, der es verstand, das Zeitgeschehen auf modernen Medien zu kommentieren. Auch sein schriftliches Werk zeugt davon, wie durch die Schriften „Zeit-Bilder“ oder „Hypermoral“ zu belegen ist. 

Unter der recht unspektakulär erscheinenden Titelfrage „Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen?” trafen die beiden eigenwilligen Theoretiker im Jahr 1965 für ein Gespräch im Südwestfunk aufeinander. So allgemeingültig die Ausgangsfrage auch ist, zielt sie, und das ist den Protagonisten selbstverständlich bewusst, auf die antagonistischen Grundlagen ihres Denkens. Für Gehlen ist die Bejahung von Institutionen wie Familie, Eigentum und Staatlichkeit, die unablässigen Grundvoraussetzung für die Freiheit des Einzelnen. Die ureigene Funktion der Institutionen ist nach Gehlen die Entlastung des Menschen, der ohne ihren Schutz zusammenbrechen würde. Für Adorno hingegen verhindert die Autorität der Institutionen die Bildung eines freien Subjekts. Das Konglomerat aus Institution, Kulturindustrie und bürgerlicher Gesellschaft präformiere das Individuum so, dass ihm ein falsches Verständnis von Freiheit anhafte, so Adorno.

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Diese beiden Standpunkte markieren zum einen durch Gehlen die Grundlage für einen konservativen Blick auf den Menschen als „Mängelwesen“ und zum anderen durch Adorno einen anthropologisch-utopischen Standpunkt, der die Welt grundsätzlich so einzurichten versucht, dass alle Dinge in ihr um des Menschenwillen vorhanden sind. Gehlen kann für den Standpunkt Adornos selbstverständlich kein Verständnis aufbringen. „Sie haben einen hohen utopischen Schwung“ sekundiert Gehlen Adornos Bemühungen, das wahre Potential des Menschen freizulegen. Trotz aller berechtigten Vorbehalte Gehlens gegenüber Adornos radikalen Utopismus und grundsätzlichen Verneinung von Institutionen, ist nicht zu unterschätzen, dass ihre Macht durch die Industrialisierung und das Aufkommen moderner Massengesellschaften ins unermessliche gesteigert wurden. Die totalitären Exzesse des 20. Jahrhunderts zeugen davon. Gehlen tritt somit freiwillig in die Falle des Konservatismus, die Institutionen um jeden Preis bewahren zu wollen.

Das knapp einstündige Gespräch verläuft konsequenterweise auch den Erwartungen nach in diesen vorgezeichneten Bahnen. Trotz aller weltanschaulichen Unterschiede, und hier liegt der aus zeitgenössischer Sicht der eigentlich springende Punkt, wird dem Hörer eine äußerst kultivierte Art der Diskussionsführung demonstriert: respektvoll, sensibel und klar in der Ausdrucksweise. Wer hier also eine Schlammschlacht oder gar hysterische Empörungsbekundungen im modernen Stil erwarte, wird erfreulicherweise enttäuscht. Neben der Möglichkeit, eine Lehrstunde in einer respektvoll geführten Debatte zu bekommen, zeugt das Gespräch vor allem von der damaligen Notwendigkeit, sich mit weltanschaulich konträren Positionen auseinanderzusetzen. Auch die Revoluzzer der sogenannten 68er-Generation mussten sich trotz ihrer progressiv-marxistischen Weltanschauungen noch mit konservativen Professoren und ihren Positionen auseinandersetzen. Jeder, der heutzutage eine geisteswissenschaftliche Fakultät von innen gesehen hat, weiß, dass diese Notwendigkeit der Vergangenheit angehört.

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