Behauste Obdachlosigkeit – Über Dieter Wieland

von Tano Gerke vom 21. September 2020.

Die Losung der transzendentalen Obdachlosigkeit, die auf den marxistischen Autor Georg Lukács zurückgeht, ist vielseitig analysiert und zugleich zum selbsterklärten Wahlspruch der Moderne und dem ihr immanenten Drang zur Rationalisierung geworden. Doch wie steht es eigentlich um die Landschaft und die tatsächliche Behausung des Menschen? Ungleich schlechter, meint der Filmemacher Dieter Wieland und hat bereits in den 1970er Jahren für ein menschlicheres Bauen plädiert, das der Natur und dem Bedürfnis nach Heimat und Geborgenheit gerecht wird. Die Wiederentdeckung einer mahnenden Stimme.

Wir leben in einer eintönigen Welt, voll mit Supermärkten, Outlets-Stores und Fastfood-Ketten. Getragen wird diese Welt durch eine makellos zergliederte Produktionslandschaft, in der kein Busch und kein Baum mehr dem zufälligen Wachsen überlassen wird, sondern streng nach Plan angelegt wurden. Heimische Laubbäume müssen auf Plantagen gezüchteten Blaufichten weichen, die Hecke als elementarer Lebensraum für Insekten den Topfpflanzen aus dem Baumarkt. Der zivilisatorische Drang zur Norm planiert alle natürlich gewachsenen Lebensräume. Dadurch entsteht eine Serienlandschaft, die ein Abbild eintöniger Lebenswelt bürgerlicher Spießigkeit ist.

Wer gegenwärtig mit diesem Tenor Dieter Wielands konfrontiert wird, der seine Filme und Schriften durchzieht, mag sich verwundert die Augen reiben. Mit intellektueller und rhetorischer Schärfe polemisiert der Filmemacher und Autor gegen eine genormte Welt, in der die natürlich gewachsenen Räume zugunsten eines abstrakten, technischen Fortschritts abgeräumt werden. Dass Wielands monologisch gehaltene Dokumentarfilme zugleich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk getragen und gefördert wurden, überrascht aus heutiger Sicht umso mehr.

Eines ist dabei für den Filmemacher unumstößlich: Die ursprüngliche Landschaft ist immer schöner als die konzipierten Kunstgärten. Doch nicht nur der vermeintlich ästhetische Aspekt macht das Verschwinden der natürlichen Räume so dramatisch. Viel schlimmer ist der unwiderrufliche Verlust der emotionalen Beziehung zwischen Mensch und Natur, die sich in Blicken, Gerüchen und Gewohnheiten manifestiert. Geborgenheit und Heimat als menschliche Grundbedürfnisse haben in dieser „genormten Einfalt“ keinen Platz. Doch der Hunger nach lebenswerten Räumen bleibt auch in der Spätphase der Zivilisation ungebrochen, meint Dieter Wieland. Der Mensch ist ein ganzheitliches Wesen und somit ist die Frage nach dem tanszendentalen Obdach nicht von dem physischen Wohnraum zu trennen.

Zu Recht mag man sich als Vertreter der jüngeren Generation in Deutschland aber die Frage stellen, wie ein natürlich gewachsener Raum überhaupt aussehen soll. Beispiele gibt es dafür kaum mehr. Und heute fühlt sich schon niemand mehr unwohl in einer vollkommen durchstrukturierten und konzipierten Umgebung. Im Gegenteil: Jeder treibt diesen Prozess, ob gewollt oder unbewusst, mit voran. Und so darf es nicht verwundern, dass man jegliches Gewächs, das grün ist und Wasser zur Pflege benötigt, für Natur hält.

Der heutige Wert der Arbeit Wielands liegt vordergründig darin, uns eine fast vergessene Perspektive vor Augen zu führen. Er gibt uns die Möglichkeit, die uns umgebenden Landschaften in seinem historischen Bewusstsein zu spiegeln und unseren Blick zu erweitern. Der Filmemacher hilft uns, die Katastrophe des Fortschritts zu verstehen, in der jeder Baum, jede Hecke nur „ein Luxus ist, der dem Fortschritt im Weg ist“ – Rolf Peter Sieferle lässt grüßen!

Besonders markant ist die einstündige Dokumentation Grün kaputt (1983). Wir werden durch uniformierte Lebenswelten bürgerlicher Spießigkeit geführt, die radikal nach außen drängen und sich eine Umwelt entsprechend ihrem Abbild formen. Die Landschaft wird folglich zur Serienproduktion wie der Bürger selbst, stets abgesichert durch Bausparverträge und dem Geschmack des Nachbars. Auch die Suche nach dem individuellen Glück wird dabei ad absurdum geführt, indem das eigene Wohlbefinden mehr und mehr nur ein Abbild der bürgerlichen Vorlage ist. Lebensentwürfe werden fließbandhaft konstruiert und produziert. Landschaftlicher Kahlschlag: Von Natur keine Spur mehr.

So ist die Antwort auf die unwiderrufliche Zerstörung der Natur und unserer Lebenswelt, die Wieland in Aussicht stellt, konsequenterweise kein planetarischer Gegenentwurf, sondern ein Appell an den Einzelnen: Der Mensch muss im Kleinen neu erlernen Verantwortung zu übernehmen, denn „am Swimming Pool erzieht man Egoisten.“ Der Anstoß Wielands kann im heimischen Garten beginnen, aber auch in der urbanen drei-Zimmer-Wohnung. Der Filmemacher hilft eine Welt wiederzuentdecken, die sich auf andere Ressourcen verlassen kann als auf die käuflichen. Letztlich geht es dabei nicht um architektonische Stilfragen oder Geschmäcker, sondern um Existenzielles. Nämlich darum, aus dem kleingeistigen und formalisierten Innenleben des modernen Menschen herauszuführen. Damit ist Dieter Wieland wohl eine der letzten Rechtfertigungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewesen.

Dieter Wielands Bauen und Bewahren auf dem Lande ist ein seit langem begehrter und vergriffener Titel, der nur noch antiquarisch zu erwerben ist. Manuscriptum hat hingegen Gebaute Lebensräume exklusiv neu aufgelegt:

Dieter Wieland: Gebaute Lebensräume

Bebauungspläne, einmal ausgeführt, können eine Strafe sein. Lebenslänglich. Für die, die damit leben müssen. Verbaut ist verbaut. Öde, Lärm, Angst der Eltern um ihre Kinder, gefährliche Geschwindigkeit, Isoliertheit, Unbehaustheit, Monotonie – das alles ist schnell festgelegt, aber kaum mehr zu beheben. Es geht aber auch anders: Auch freudiges Nachhausekommen, Spiele und Gespräche vor der Haustür, Platz für Gras und Bäume, Raum und Gestalt, Geborgenheit, Zuhause lassen sich planen. Das Planungselend wird eher größer, der Hunger nach Qualität auch…

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