Mein Großvater und das Deutsche Reich

von Stefan Flach vom 6. Oktober 2020.

Menschen, die bereits tot waren, bevor man selbst geboren wurde, bleiben im Geist auf seltsame Weise unsterblich. Die Distanz zu der eigenen Lebenswelt macht sie nicht nur ungreifbar, sondern auch unangreifbar. Der Tod kann ihnen nichts mehr anhaben, da sie so gesehen ja seit jeher in dessen Sphäre „leben“. Man kann das sogar als eine Art Souveränität, Standfestigkeit, ja Verlässlichkeit an ihnen wahrnehmen. Der magische Glaube, daß verstorbene Eltern umso besser auf ihre im Leben verbleibenden Kinder „aufpassen“, mag hiermit zusammenhängen.

Bei eigenen Ahnen, die man nie gekannt hat, verstärkt sich das noch. So ergeht es mir mit meinem Großvater väterlicherseits, der – er und mein Vater sorgten spät für Nachwuchs – im geradezu abstrus entlegenen Jahr 1870 geboren wurde und damit mehr als einhundert Jahre älter ist als ich; er starb bereits Anfang der 1940er. Mitunter, wenn ich die Geburtsdaten bekannter Persönlichkeiten aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts lese, triumphiere ich ein wenig, denn ich sage mir: mein Opa holt auch euch ein, er war NOCH älter als ihr!

Dieses Jahr im Oktober, um den Tag der Deutschen Einheit herum, „feiert“ dieser unbekannte Vorfahre seinen 150. Geburtstag – eine Zahl, die mich auflachen läßt, so „unmenschlich“ groß ist sie – zu groß für jedes realistische Zeitmaß zwischen Großvater und Enkel. Wie jener gelebt haben mag, was für ein Typ er war, wie früh am Morgen er täglich raus mußte (er war Bauer), wie er es mit den Frauen hielt, was er wohl alles im Krieg 1914-18 hat erleben müssen, wie das hessische Idiom aus seinem Mund geklungen haben mag, sind wogende offene Fragen, für deren Beantwortung ich heute, da es keine Zeugen mehr gibt, auf meine inneren Bilder „hören“, in diese Bilder „hineingehen“ muß wie in einen milden Sonnenuntergang. Lasse ich es bleiben, schweigt tatsächlich das Grab, gibt es keinen Bezug auf eine gemeinsame Substanz.

Wer mit meinem Großvater den Geburtstag auf das Jahr und fast den Monat genau teilt, ist niemand anderes als das Deutsche Reich. Auch teilt es praktisch die gleiche Lebensspanne, 1871-1945. Abgesehen davon, daß dieses vielgestaltige und wundersame Gebilde aktuell (wie JEDE traditionelle Ordnungseinheit) nie dagewesenen polit-medialen Verfemungen ausgesetzt ist, frage ich mich, ob es seinerseits noch vitale Klänge in uns Heutigen zu generieren in der Lage ist? Ob jemand etwa beglückt oder aufgewühlt erwacht, nachdem er von dem Reich geträumt hat? Aber vielleicht sind derlei Fragen schon falsch gestellt, und der Bezug etwa auf die alten preußischen Tugenden – die das Reich grundiert und befähigt haben – ist nur möglich, indem man diese im eigenen Tun beherzigt: bescheiden, dienend, pflichtgemäß, woraus dann (erst dann!) das folgert, was persönliche innere Stärke ist.

Und wer weiß schon, ob das alte, dahingeschiedene Deutsche Reich, ähnlich wie ein längst verstorbener und doch unsterblicher Ahne, den wir nur noch in uns selbst erleben können, uns Spätgeborenen bei diesem Tun nicht zusieht und, so wir es uns verdienen, geheimen Schutz und Zuspruch spendet.

Eine preußische Charakterstudie:

Andrew Stüve: Schwarz und Weiß

1947 wurde der Staat Preußen von den vier Besatzungsmächten aufgelöst. „Und gewiß“, schrieb Hans-Joachim Schoeps, „das alte Preußen, wie es einmal war, ist tot, aber nicht der klassische preußische Geist.“ Doch wo sind sie, die einstigen Tugenden des Ordnungsgeistes, Pflichtgefühls und der Opferbereitschaft? Mögen sie auch verschüttet, verzerrt und diskreditiert sein, erinnert der Autor jenseits der Klischees vom „Alten Fritz“ an dieses wertvolle preußische Erbe – in vier Porträts zeichnet er das Bild der berühmten Gestalten Moltke, Fichte, Blücher und Hegel, und arbeitet die typisch preußischen Züge im Handeln und Denken dieser Militärstrategen und Philosophen heraus.

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