Zukunft oder Freiheit

Eine Rede von Václav Klaus

Václav Klaus (*1941), Präsident der Tschechischen Republik von 2003 bis 2013, hat auf dem unter dem Motto „Save the Future“ abgehaltenen „19. Vienna Congress com.sult“ in Wien am 31. Januar 2022 die nachfolgende Rede gehalten. – Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Lombard

Es ist mir vollkommen klar, daß es fast provokant ist, gleich zu Beginn den Slogan des diesjährigen Wiener Kongresses zu kritisieren. Ich weiß auch, daß ich im Rahmen der gegenwärtigen erniedrigenden Pandemiepolitik, im Schatten zerstörerischer Angriffe auf die Wirtschaft („Green Deal“) und hoher Inflation (nach Jahren der Deflationsängste) – Entwicklungen, die zusammengenommen den kritischsten Moment der Nachkriegszeit bilden – niemandem widersprechen sollte, der bei diesen wichtigen Themen an meiner Seite steht. In einer solchen Lage gilt es, konstruktiv zu agieren und keine zusätzlichen Streitigkeiten auszulösen. Aber genau das muß ich tun.

Wir sollten akzeptieren, daß wir verantwortlich für das sind, was wir heute tun, und auch für das, was wir den künftigen Generationen hinterlassen werden. Wir können dennoch keine Verantwortung für die Zukunft tragen. Wir können nicht die künftigen Handlungen anderer Menschen beeinflussen.

Die einzige Möglichkeit, die Zukunft positiv zu beeinflussen, besteht darin, künftigen Generationen die Welt in bestmöglichem Zustand zu übergeben. Das allerdings setzt voraus, daß wir die Welt verstehen, in der wir leben, daß wir ihre Schwächen und Problemen kennen. Wir müssen in aller Bescheidenheit akzeptieren, daß wir uns mitten in einer zivilisatorischen Krise des Westens befinden. Deshalb mache ich mir mehr Sorgen um unsere heutige Welt als um die von morgen. Wir sollten nicht vor den aktuellen Problemen davonlaufen, indem wir uns in die Zukunft flüchten. Das wäre ein Verrat an den künftigen Generationen und auch an uns selbst.

Unsere Lebensqualität, unser Wohlstand, unsere hohe Qualität der Gesundheitspflege und unsere in der Vergangenheit nicht existierende wirtschaftliche Entwicklungsstufe rühren nicht daher, daß unsere Vorgänger sich entschieden haben, „für die Zukunft zu sparen“. Sie haben für uns nichts aufgespart, weil sie, wie ich vermute, ahnten, daß das kontraproduktiv gewesen wäre. Hätten sie weniger Rohstoffe verbrauchen sollen? Weniger Gold? Silber? Kohle? Erdöl? Erdgas? Und wieviel hätten sie sparen müssen, wenn sie unsere derzeitige Energiekrise hätten verhindern wollen? Stünde uns dann jetzt mehr Kohle zur Verfügung? Mehr Uran? Wie groß hätte ihr Verzicht sein müssen? Ein Zehntel, ein Hundertstel oder ein Tausendstel ihres Verbrauchs? An welche Zukunft hätten sie denken sollen – zwanzig, zweihundert oder zweitausend Jahre voraus? Das ist völlig ausgeschlossen, und nur Gretas aller Art könnten auf die Idee kommen, so etwas zu verlangen.

Die Volkswirte denken über diese Frage mit Hilfe des Konzepts der Zeitpräferenz nach, was manche Leute (unsere Gegner) leider nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Die Tatsache, daß die Gegenwart der Zukunft vorgezogen wird, ist jedoch nicht schwer zu begreifen. Die Weisheit der normalen Menschen reicht dafür, aber die Intellektuellen (und einige Sozialwissenschaftler) scheinen damit Probleme zu haben. Sie argumentieren, daß wir durch Einführung des Konzepts der Zeitpräferenz die Zukunft außer Acht ließen und nur kurzfristig denken würden. Technisch gesagt, werfen sie uns vor, daß wir einen sehr hohen Diskontsatz (auf Marktniveau) im Kopf haben, während sie darauf bestehen, daß der angemessene Diskontsatz Null sein sollte. Für sie ist Zukunft gleich Gegenwart. Bei einem Diskontsatz nahe oder gleich Null fließt die Zeit nicht. Die Zukunft ist da, wir können sie „anfassen“. Nicht für die Zukunft zu sparen, ist aus dieser Sicht ein Verbrechen.

Es ist beunruhigend und frustrierend, daß wir mit mehreren solcher Mißverständnisse leben. Auch die Propagandisten der globalen Erwärmung verwenden in ihren Klimamodellen Diskontsätze von Null, was ihre Ergebnisse wertlos macht. Die Banker verwenden Nullzinsen, was die Rationalität unseres Investitions- und Sparverhaltens untergräbt. Solche Irrtümer sollten nicht auf andere Bereiche übertragen werden.

Wir sollten von der vernünftigen Annahme ausgehen, daß künftige Generationen reicher und wegen des unaufhörlichen technischen Fortschritts in der Lage sein werden, Probleme zu bewältigen, die wir heute für unlösbar halten. Das Schlimmste, was wir künftigen Generationen antun könnten, wäre daher, unser aktuelles Wirtschaftswachstum künstlich zu bremsen und damit ihren künftigen Wohlstand zu reduzieren.

Wir sollten auf den gesunden Menschenverstand bauen, statt die Wissenschaft zu mißbrauchen, wie es die Klima- und Coronahysteriker tun. Wir dürfen uns nicht die katastrophalen Prognosen akzeptieren, die sagen, daß unser Wirtschaftswachstum vorbei und unsere Ressourcen erschöpft seien. Vor allem sind natürliche Ressourcen nicht mit ökonomischen Ressourcen zu verwechseln. Einzelne natürliche Ressourcen sind erschöpfbar, nicht aber ökonomische Ressourcen, die auf dem unendlichen menschlichen Erfindergeist basieren. Gehen wir nicht in die grüne Falle der so genannten Nachhaltigkeit. Der menschliche Erfindergeist ist unerschöpfbar. Das ist der Grund unseres Optimismus.

Kehren wir vor unserer eigenen Tür. Stoppen wir unsere galoppierende Verschuldung. Hören wir auf, an der Defizitfinanzierung als Standardprinzip der Anspruchsgesellschaft festzuhalten. Hören wir auf, unsere löcherige staatlichen Renten- und Gesundheitssysteme, die offensichtlich nicht nachhaltig sind, zu fördern und auszubauen. In diesen Bereichen fortzusetzen wie bisher wäre das giftigste Geschenk, das wir unseren Kindern und Enkeln geben könnten.

Zumindest für manche von uns bleibt die Freiheit das Grundprinzip. Alle undemokratischen Systeme haben versucht, „eine bessere Zukunft zu bauen“. Günstigenfalls sind sie damit nur gescheitert, schlimmstenfalls haben sie Katastrophen verursacht. Versuchen wir lieber, unseren Nachfolgern eine freie, demokratische Welt zu übergeben. Erlauben wir ihnen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Lassen wir sie „free to choose“.

Unsere Aufgabe ist es, rational zu handeln, also ökonomisch und effizient, das heißt sparsam. Was uns heute als nachhaltige Entwicklung verkauft wird, zeugt eher von Wunschdenken und dient dazu, Menschen zu manipulieren. Der größte Angriff auf die Rationalität ist der Green Deal (sowie damit verwandte Pläne und Initiativen).

Menschen sollen frei sein. Es gibt niemanden, der etwas „besser weiß“. Es gibt keinen „Philosophenkönig“, schon gar nicht in Gestalt von Greta Thunberg, Klaus Schwab, Frans Timmermans oder Madame Lagarde. Im Geiste Friedrich von Hayeks sollten wir deren arrogante „pretence of knowledge“ (Vorwand des Wissens) bekämpfen. Wir sollten vor ihnen nicht kapitulieren. Das sollte die Hauptbotschaft des diesjährigen Wiener Kongresses sein. Wir dürfen unsere Überzeugungen nicht aufgeben. Und nicht unsere Wahrheit.

Über den Autor:

VÁCLAV KLAUS ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der neueren tschechischen Politik. Klaus war Finanzminister (1989–1992), Ministerpräsident (1992– 1998), Vorsitzender des Abgeordnetenhauses (1998– 2002) und zuletzt Präsident der Tschechischen Republik (2003–2013). Mit seinem Namen sind die bedeutendsten Ereignisse des jungen Staates verbunden, wie z. B. die ökonomische und gesellschaftliche Transformation und die Teilung der Tschechoslowakei. Klaus, ursprünglich Wirtschaftswissenschaftler, ist Autor zahlreicher Bücher, Artikel und Aufsätze und ist mit seinen festen und klaren Stellungnahmen eine unverzichtbare Stimme in den europapolitischen Debatten, inzwischen auch mittels eines Forschungsinstituts in Prag, das seinen Namen trägt.

Foto: privat

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