Ukraine-Krieg: Wie geht es weiter?

von Thomas Fasbender.

Der Ukrainekrieg steckt in einer Phase strategischer Alternativlosigkeit; das gilt für die kriegführenden Parteien genauso für die Ukraine-Unterstützer im Westen. Ein „Weiter-so“ charakterisiert die Agenden. In der westlichen Öffentlichkeit gilt jede Erwähnung von Verhandlungen als Gottseibeiuns des Defätismus. In der Ukraine schwimmt man auf der Welle erfolgreicher Nadelstich-Angriffe und partieller Rückeroberungen an der südlichen Front. In Rußland geht es stur um die Eroberung des Donbaß. Da Putin seine Kriegsziele opportunistisch den Möglichkeiten anpaßt, weiß man nur, dass es weitergeht – selten aber, wohin.

Man kann auch nicht sagen, ob Rußland bereit wäre, Cherson und die Gebiete rechts des Dnjepr dem ukrainischen Druck zu opfern. Gewiß ist nur, daß die Krim unter dem russischen Nuklearschutz steht. Das sollte bedenken, wer in Kiew oder im Westen fordert, die Ukraine mit militärischen Mitteln in den Grenzen von 2013 wieder herzustellen.

Wahrscheinlich ist, daß der Kreml schon im September 2022 in den eroberten Gebieten Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit zu Rußland durchführen läßt. Nach einer Annexion könnte Moskau die russische Nukleargarantie dann auf die ost- und südukrainischen Gebiete ausdehnen.

Medien und Politik im Westen trommeln für die solidarische Unterstützung einer ukrainischen Siegstrategie. Deren Schwäche hat der Historiker Herfried Münkler schon im Mai 2022 diagnostiziert: Es gibt keine einheitliche Vorstellung von einem ukrainischen Sieg. Die USA wünschen sich eine dauerhafte Schwächung des russischen Störpotenzials. Das traditionell rußlandkritische Großbritannien zielt auf die Wiederherstellung der Ukraine 2013. Die Westeuropäer wünschen vor allem ein Ende der militärischen Auseinandersetzung.

Das Appeaser-Etikett, das den Deutschen und Franzosen trotz aller Lippenbekenntnisse anhängt, macht eine wirksame Friedensinitiative seitens dieser Länder unwahrscheinlich. Sie wird aber auch nicht aus den USA kommen. Der Deep State der US-Außenpolitik will den Konflikt, will ihn aber nicht eskalieren. Die USA haben mit China genug am Hut. Und die Briten sind nach dem Abgang des Bellizisten Boris Johnson erst einmal mit sich selbst beschäftigt.

Am wahrscheinlichsten sind Initiativen aus der Region: die beiden Kriegsparteien, Polen, Litauen, auch Belarus. Dort gibt es mehr Dialog als bekannt, und zwar über die Fronten und Grenzen hinweg. Auch Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.

Noch ist das Zukunftsmusik. Noch sind die Hoffnungen, auf dem Schlachtfeld Vorteile herauszukämpfen, allseits größer als das Vertrauen in einen möglichen Frieden oder Waffenstillstand. Mindestens bis zum Herbst wird das so bleiben.

Am Ende steht, ob wir wollen oder nicht, die Teilung der Ukraine. Rußland wird den Süden und Osten nicht hergeben. Wahrscheinlicher ist,daß Moskau auch diese Gebiete unter seinen Nuklearschutz stellt. Der Restukraine könnte eine polnisch-litauische Friedenstruppe, bilateral unterstützt von den USA, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Der Westen steht dann vor der Wahl. Er kann diese Restukraine aufrüsten, in die NATO aufnehmen, sie vorbereiten für eine nukleare Restitution des Status quo ante 2013.

Oder auch nicht. Eine reale Option, die russischen Kräfte zurückzudrängen, sei es auf den Frontverlauf vor dem 24. Februar 2022, sei es auf die Grenzen von 2013, existiert nicht. Alle Sanktionen der Welt werden nicht bewirken, daß Rußland einen Siegfrieden zu seinen Ungunsten akzeptiert. Darin liegt der grundsätzliche Unterschied zur deutschen Lage von 1918 und 1945. Die Krim und den Donbaß könnte der Westen allenfalls um den Preis eines Atomkriegs heimholen.

Johannes Barnick: Deutsch-russische Nachbarschaft

Dieses Buch aus dem Jahre 1959 liest sich, als wäre es für heute geschrieben worden: ein außenpolitischer Traktat mit detaillierten Einblicken in die psychologischen, geopolitischen und machtphysikalischen Bedingtheiten der deutsch-russischen Beziehungen in Geschichte und Gegenwart. Das aktuelle Thema des Privatgelehrten Johannes Barnick (1916–1987) ist, anders als der Titel verheißt, keineswegs die deutsch-russische »Nachbarschaft«, sondern vielmehr »Nachbarsnachbarschaft«. Denn zwischen Deutschland und Rußland gibt es die bekannte »Schütterzone« von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer als »ernstesten weltpolitischen Krisenherd«. Bereits vor über sechzig Jahren warnte Barnick weitsichtig davor, daß »ein Bündnis von liberalem Westen und osteuropäischem Nationalismus« für Deutschland eine neuerliche Einkreisung bedeuten würde – und darüber hinaus die Gefahr eines Dritten Weltkrieges.

Thomas Fasbender: Wladimir W. Putin

Die erste Putin-Biographie eines deutschen Autors seit mehr als zwei Jahrzehnten – weder pro noch contra, weder Anklage noch Verteidigung. Stattdessen eine klassische Biographie, gut lesbar erzähltes Leben. Der Großvater: Lenins Leibkoch in den Jahren nach der Revolution. Die Eltern: einfache Leute im zerschossenen Leningrad der Nachkriegszeit. Der Sohn: ein KGB-Offizier, den der Weltgeist aus obskurer DDR-Provinz ins höchste Staatsamt spült. Zahllos sind die Narrative und Deutungen, die sein Wirken begleiten. Aber haben sie das Rätsel gelöst? Wer ist der Mann, der Russland auf einen eigenen Weg gebracht hat? Der dem Selbstverständnis der Westeuropäer in die Parade fährt? Thomas Fasbender ist kein Verehrer und kein Verächter, er blendet nichts aus, nicht die Vorwürfe, nicht die Anschuldigungen, nicht die fundamentale Kritik. So wird die Biographie zum Spiegel des epochalen Konflikts, der mit Putins politischem Werdegang in eins fällt, und zum Porträt Russlands im Aufgang einer neuen Zeit.

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