Demokratie und Zeitpräferenz

von Felix Menzel vom 28. September 2021.

Eine der markantesten Lehren aus „Demokratie. Der Gott, der keiner ist“ von Hans-Hermann Hoppe betrifft die Zeitpräferenz. Hoppe vertritt die Ansicht, Demokraten denken per se kurzfristig, während nur Könige und Kaiser in langfristigen, historischen Dimensionen Staatspolitik betreiben.

Mit Blick auf die Finanzen liegt er natürlich richtig. Um Wahlen zu gewinnen, lohnt es sich, Schulden aufzunehmen, um auf Pump wohltätig sein zu können. In Monarchien gibt es dieses Problem nicht.

Hoppe hat jedoch vielleicht auch etwas übersehen. Neben Corona war die Klima-Debatte das Hauptthema des alles in allem faden Bundestagswahlkampfes. Alle Parteien versuchten sich dabei mit Weitblick gegenseitig zu übertrumpfen. Von CDU bis Linkspartei hieß es, aus Sorge um die Zukunft unseres Planeten müßten wir uns einschränken, CO2 einsparen und einen jahrzehntelangen Umbau in Richtung „klimaneutraler“ Wirtschaft vornehmen.

Um diesem verführerischen, christlich angehauchten Narrativ eines nahen Paradieses, für das wir nur gegenwärtig ein bißchen Verzicht zu üben hätten, etwas entgegenhalten zu können, verwies die AfD indes mehr schlecht als recht auf die Weltgeschichte mit dem beständigen und teilweise abrupten Wechsel von Warm- und Kaltzeiten. Ihr Blick richtete sich also derart weit zurück, daß jede Verantwortung entfällt. Spiegelverkehrt verhält es sich bei den Altparteien. Sie bemühen eine in der Zukunft liegende Utopie, bei der nicht zu überprüfen ist, welchen Beitrag der Einzelne oder selbst Deutschland als Ganzes leisten kann.

Augenfällig wird so ein erschreckender Bedeutungsverlust der Realpolitik. Das betrifft abermals alle Seiten. Jene Grünen-Wähler aus München, die ihre Hoffnungen auf Jamila Schäfer projizierten, können ja nun nicht ernsthaft glauben, daß die Soziologie- und Philosophie-Studentin etwas Gutes für ihr direktes Lebensumfeld bewegen kann. Vielmehr scheint Schäfer die Weltrettungsphantasien ihrer Wähler am besten zu repräsentieren.

Nach diesem Muster läßt sich ebenso der Wahlerfolg der AfD in Ostdeutschland kritisch hinterfragen: Wohl kaum einer der Wähler dürfte der Illusion anhängen, daß ein direkt gewählter AfD-Abgeordneter für die eigene Region am meisten herausholen kann. Die kurzfristigen Interessen der Wähler scheinen also äußerst überschaubar zu sein. Das entkräftet übrigens auch die Theorie der „politischen Ökonomie des Populismus“, die nach der Bundestagswahl von 2017 der Bremer Politologe Philip Manow aufgestellt hatte.

Weder ökonomische Motive noch das CDU-typische verantwortungsethische Argument, man solle doch denen die Macht lassen, die sie schon immer haben, damit nichts schiefgeht, hatten bei der aktuellen Wahl eine besondere Durchschlagskraft. Plausibler ist es hingegen sicherlich, das Wahlergebnis mit einer Verfestigung ideologischer Blöcke zu erklären.

Damit deutet sich immer stärker etwas an, von dem Rolf Peter Sieferle im Epochenwechsel sprach: Er prognostizierte, der zentrale, ideologische Konflikt des 21. Jahrhunderts spiele sich zwischen „Natur“ und „Technik“ ab. Die ideologische Stärke der Grünen, die weit über Wahlergebnisse hinausgeht, beruht dabei auf der Eindeutigkeit ihrer Position in diesem Konflikt. Obwohl sie mit Windrädern die Landschaften verschandeln, ist es ihnen erfolgreich gelungen, als Vertreter der Interessen der „Natur“ zu gelten. Am eindeutigsten der „Technik“ zugeordnet, wird vermutlich in der öffentlichen Wahrnehmung die FDP, die damit ebenso beachtliche Ergebnisse einfährt.

Alle anderen Parteien sollten sich Gedanken machen, wie sie ihre Position in diesem Konflikt verbessern können – auch die SPD, die eigentlich schon komplett abgeschrieben war und diesmal nur von dem eigentümlichen Sondereffekt profitierte, daß viele Menschen – trotz des eben Ausgeführten – völlig unideologisch im kleineren Übel die beste Option sahen.

Hans Hermann Hoppe: Demokratie. Der Gott, der keiner ist

Dieses Buch ist frenetisch bejubelt und donnernd verdammt worden: Es ist eine fulminante Kritik an Idee und Praxis der westlichen (Medien-)Demokratien, denen Hoppe vorwirft, unter der Fahne der Freiheit die Unfreiheit zu organisieren und die Gegenwart aus der Zukunft zu subventionieren. Hoppe kommt aus dem Umfeld der amerikanischen „libertarians“, die man sich hierzulande gern als „anarcho-kapitalistisch“ erklärt. Aber: Seine Demokratie- und Staatskritik atmet kulturkonservativen Geist, und die staatlich betriebene kulturelle Deregulierung erscheint ihm eher als organisierte Dekadenz. Der Beifall hiesiger Staatskritiker, die ja ein recht buntes Völkchen in „anarcho-sozialistischen“ und „anarcho-kapitalistischen“ Farben bilden, ebbt an dieser Stelle recht schnell ab.

Ein Gedanke zu “Demokratie und Zeitpräferenz

  1. Es ist doch eher so, daß die „Klimafrage“ schlicht von den Medien forciert wurde.

    Besäße man solchen Einfluß, dann hätte man die zwei drängendsten Probleme thematisieren können. Nämlich die sukzessive Umformung in einen multiethnischen Staat als auch das Rückgängigmachen der Folgen der „sexuellen Revolution“, die Georg Huntemann treffend „Aufstand der Schamlosen“ nannte.

    Denn ohne Rückkehr zu Ehe u. Familie und Abkehr von der heutigen sexuellen Promiskuität — besser: Dekadenz — ist’s nicht möglich. Wenn man bedenkt, daß man sich früher noch verlobte! Hat heute keine Bedeutung mehr.

    Was der Seitenhieb aufs Christliche soll, erschließt sich mir nicht. Wie geschrieben steht: mein Reich ist nicht von dieser Welt, spricht Jesus Christus.

    Schon eher könnte man es jüdisch nennen; auf jeden Fall hat man hier noch Nachholbedarf, denn der Glaube ist eher schlecht vertreten auf unseren Seiten.

    Dabei hängen ja alle Probleme hiermit zusammen. Wie Gómez Dávila es ja auch sah: alle politischen Irrtümer gehen auf theologische zurück.

    Das Klima liegt für den Christen in Gottes Hand, der regnen und die Sonne aufgehen läßt über Gerechte wir Ungerechte; die Ehe ist damit auch gelöst, denn es gilt, wie C. S. Lewis es ausdrückte, Ehe und Treue bis in den Tod oder völlige Enthaltsamkeit.

    So einfach macht man den Klimaneurotikern wie den Perversen den Garaus. Daher also aufs Chaos hoffen oder die einseitige Macht der Medien brechen. Oder es geschieht ein Wunder und wir erleben eine Massenerweckung. Wieder Gómez Dávila: Wie kann der leben, der nicht auf Wunder hofft?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.