Als der Papst noch unzeitgemäß war

von Tano Gerke vom 27. August 2020.

Am 19. April 2005 geschieht eine Sensation, die weit über die römisch-katholische Welt hinaus für großes Staunen sorgt: Seit knapp 500 Jahren wird zum ersten Mal wieder ein Deutscher zum Papst gewählt. Und dazu noch ein höchst unzeitgemäßer, der als Konservativer gilt und einen Ruf höchster theologischer Gelehrsamkeit genießt. Mit dem Namen Benedikt XVI. wird Kardinal Joseph Aloisius Ratzinger zum 265. Papst gekürt. Jetzt liegt erstmalig eine umfassende Biographie des heiligen Vaters a.D. vor – und die hat es in sich.

Auf mehr als 1000 Seiten umkreist der Journalist Peter Seewald das Leben Benedikt XVI., von seinen Kinderjahren in Tittmonning, seinen Professorenjahren in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, seine nicht unbedeutende Rolle im Zweiten Vatikanischen Konzil, über die Ernennung zum Erzbischof von München und zum Präfekt der Glaubenskongregation bis hin zu seinem Pontifikat und dem abrupten Rücktritt. Bei diesem Streifzug lässt Seewald, so viel kann man der Lektüre vorwegnehmen, nichts aus und porträtiert einen Katholiken, der über sich selbst sagt, er habe es sich zur Lebensaufgabe gemacht, „unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen und diesem Kern Kraft und Dynamik zu geben.“ Ein ambitionierter Auftrag, dem Ratzinger bis heute treu geblieben ist.

Peter Seewald ist einer der profundesten Kenner des emeritierten Papstes. Zuvor veröffentlichte er bereits mehrere Bücher, wahlweise über oder mit Joseph Ratzinger, und formte so über die Jahre hinweg sein eigenes Ratzinger-Oeuvre. Herausragend sind vor allem die Interviewbände Letzte Gespräche (2016), in denen der ehemalige Papst erstmals über seinen Rücktritt und sein Pontifikat als solches spricht, sowie Salz der Erde (1996). Letzterer eröffnet einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des Oberklerikers und seines Verständnisses von der Rolle des Christentums und den Herausforderungen des Glaubens im 21. Jahrhundert. Zudem tritt Ratzinger als überzeugter Kritiker des zeitgenössischen Humanitarismus auf. Sein unversöhnliches Verhältnis zum Zeitgeist sorgte während seiner Amtszeit als katholisches Oberhaupt immer wieder für Aufsehen und für mehr als nur eine ins Negative gewandte Schlagzeile.

Die jüngst erschienene Biographie mit dem schlichten Titel Benedikt XVI. Ein Leben liefert genau das, was man vor ihr erwartet, nämlich einen Überblick über persönliche Meilensteine und die wichtigsten Begegnungen im vielschichtigen Leben des Theologen. Darüber hinaus nimmt Seewald uns in den 93 Lebensjahren Ratzingers mit auf einen Ausflug durch theologische und weltanschauliche Debatten der Zeitgeschichte. Diesen Überblick wird mittels einer schier unerschöpflichen Quellenbasis und einem herausragenden Detailwissen gewährt, das der Katholik und ehemalige Redakteur von SZ und Spiegel in einem knapp dreißigjährigen Austausch mit dem Papst Emeritus angesammelt hat. Kritiker wenden nicht zu Unrecht ein, dass er in seinem persönlichen Hauptwerk die nötige Distanz zu seinem Gegenüber vermissen lässt und er selbst ein großer Bewunderer Ratzingers sei. Seewald dürfte sich von dieser Kritik indes vollkommen unbeeindruckt zeigen, kann er sich doch in der Gewissheit wiegen, allein schon wegen des Sujets eine Biographie geschaffen zu haben, die zweifelsohne die Stimmen der Berufskritiker aus den Feuilletons überleben wird.

Seewald geht allerdings weiter und kritisiert die medial fragmentarische Darstellung der Reden und Thesen Ratzingers, die ganz bewusst ein verzerrtes Bild erzeugen würden und im Kern falsch seien. Ferner ist der Autor gewillt, den sich bis heute scheinbar haltenden Widerspruch des Wandels Ratzingers vom progressiven Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils zum „Panzerkardinal“ aufzulösen und ihn gegen die Vorwürfe, er sei ein weltfremder und eindimensionaler Reaktionär, zu verteidigen. Im Gegenteil geht es nach Seewald vielmehr darum, Ratzingers Widerspenstigkeit zu betonen, die bereits in jungen Jahren unter der Herrschaft der Nationalsozialisten erprobt wurde, die überheblich verkündeten, katholische Priester werde es nach dem Endsieg nicht mehr geben.

Eine Kostprobe jener Widerspenstigkeit bekommt der geneigte Leser im Abschlussgespräch der Biographie, in dem Ratzinger unbeeindruckt kommentiert: Die eigentliche Bedrohung für die Kirche läge „in der weltweiten Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien, denen zu widersprechen Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Grundkonsens bedeutet.“ Wer hiervon ausgehend jedoch auf pikante Details und Intrigen bezüglich des Rücktritts vom Papstamt hofft, muss seine Antwort wohl in der kryptischen Aussage des Emeritus finden: „Die eigentlichen Gründe dafür, dass man meine Stimme ausschalten will, möchte ich nicht analysieren.“


Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben

Joseph Ratzinger ist eine Person der Zeitgeschichte. Dass er als Deutscher zum Papst gewählt wurde, war ein Jahrhundertereignis.
Kein Journalist oder Autor kennt Joseph Ratzinger besser als Peter Seewald. Er hat für dieses Buch viele Stunden lang mit Joseph Ratzinger gesprochen und konnte aus einem reichen Fundus von Aufzeichnungen schöpfen aus der gemeinsamen Arbeit mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. an insgesamt vier Gesprächsbüchern, die allesamt internationale Bestseller waren.

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