Besser Draumendrücken

Vom 26. August 2016.

Als Brecht vom Attentat auf Hitler erfuhr, hielt er ihm »für den augenblick den daumen; denn wer, wenn nicht er, wird uns schon diese verbrecherbande austilgen?« Gemeint waren nicht etwa die Nationalsozialisten, sondern die Offiziere von deutschem Adel. Die höchst bescheidene Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland den Helden des Widerstands zubilligte, könnte den Verdacht aufkommen lassen, die zuständigen Kommissionen hätten zu viel Brecht gelesen. Sollte es da etwa eine geheime Zuneigung für einen linken Hitler gegeben haben, der neben allem anderen, was er angerichtet, die alten Eliten der modernen Gleichheitsidee geopfert, der mit Volkswagen, Volksempfängern und Kraft-durch-Freude-Schiffen dem egalitären Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit den Weg gebahnt hat?

Frank Schirrmacher vertrat einst die Ansicht, dass der Film »Operation Walküre« mit Tom Cruise in der Rolle des Oberst Stauffenberg den Helden vom 20. Juli die Ehre erwiesen habe, die ihnen gebührt. Das zu begrüßen, fällt nicht schwer. Interessanter wäre die Frage, warum bis heute die Meinung herrscht, nicht Brecht, sondern alle Deutschen außer ihm hätten Hitler die Daumen gedrückt:


Konrad Löw: Hitler in uns?

Nach einer neueren Studie der Bertelsmannstiftung „Zur Schuld der Deutschen gegenüber den Juden aufgrund der Judenverfolgung im Dritten Reich“ sind 52 Prozent der deutschen Bevölkerung der Ansicht, daß alle jene („arischen“ und jüdischen?) Deutschen mitschuldig sind, die über das wahrscheinliche Schicksal der deportierten Juden Bescheid wußten, die aber nicht mit Aussicht auf einen nennenswerten Erfolg eingreifen konnten.

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