Mohrenköpfe und Witzfiguren.

von Felix Menzel vom 7. Juli 2020.

In Heidelberg gibt es ein Tabakgeschäft, das 1890 von dem Sinologen Lothar Scheuring aufgebaut wurde. Als treuesten Mitarbeiter bezeichnet man seitdem einen leicht bekleidet und überzeichnet dargestellten „Mohr“, der im Schaufenster sitzt und Zigarren anbietet.

„Im Laufe der vielen Jahrzehnte hat er sich zu einem Wahrzeichen im Herzen der historischen Altstadt entwickelt“, heißt es auf der Webseite des Tabakladens. Weiter wird erklärt: „Figuren dieser Art waren im 18. und 19. Jahrhundert häufig in Tabakwarengeschäften zu Reklamezwecken anzutreffen. Sie spiegeln den Geschmack und die Vorstellungen der damaligen Zeit wider und bilden heute eine wertvolle kulturhistorische Überlieferung.“

Das sehen freilich inzwischen nicht mehr alle so. Die Rhein-Neckar-Zeitung skandalisiert gerade die angeblich rassistische Figur und stößt sich ebenfalls am „Gasthaus zum Mohren“, das zu den ältesten Kneipen der Stadt zählt und „dem heiligen Mauritius eine Ehre erweisen“ soll.

Ähnlich grotesk geht es in Berlin zu. Die Berliner Verkehrsbetriebe wollen die U-Bahnstation „Mohrenstraße“ umbenennen und sind auf die Idee gekommen, den russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka (1804-1857) im Stadtbild in Erinnerung zu rufen. Dumm nur, daß er als „judophob“ gilt.

Noch dümmer ist allerdings die abwegige Vorstellung, 1707 hätten in Berlin ein paar Rassisten zusammengehockt, die mit der pikanten Namenswahl ihren Fremdenhaß zum Ausdruck bringen wollten. Warum sollte man Straßen nach Menschen benennen, die man abgrundtief haßt? Ist das denn heute eine gängige Praxis?

Wie dem auch sei: Es gibt anscheinend einen berühmten Menschen, der in der „umstrittenen“ Mohrenstraße wohnte. Laut Wikipedia trieb sich Karl Marx während seiner Studienjahre 1837/38 hier herum und soll ganz ohne Schnappatmung in Nummer 17 gehaust haben.

Apropos Marx: Wenn die AfD titelt „Hände weg von Bismarck! Schaut auf Marx – einen der übelsten Rassisten und Antisemiten!“, so befindet sie sich auf einem fatalen Holzweg. Dieses Denunziations-Pingpong wird sie definitiv verlieren und dabei auch noch jene enttäuschen, die auf der Suche sind nach einer „preußischen Sittlichkeit“.

Es empfiehlt sich deshalb ein Blick in die Schweiz. Dort geht beim Mohrenkopf-Produzenten „Dubler“ gerade so richtig die Post ab. Nachdem einige Händler die Süßigkeiten aus vorauseilendem Gehorsam boykottierten, ging die Nachfrage aus Solidarität durch die Decke. „Ich kann gar nicht so viel produzieren, wie die Leute wollen“, berichtet Robert Dubler der Presse.

Merke: Die Sprachpolizei ist nicht allmächtig. Standhaftigkeit kann sich in barer Münze auszahlen und das sollte uns positiv stimmen. Wer auf die Knie fällt, Rennwagen schwarz umlackiert und jedes noch so unsinnige Ritual der Bessermenschen, die absolute Gleichheit postulieren, mitmacht, endet indes mit ziemlicher Sicherheit als Witzfigur. Wie der Heidelberger Mohr lehrt, ist das ja aber nicht weiter schlimm …

(Bild: Heidelberger Mohr, von: Immanuel Giel, Wikipedia, CC BY-SA 3.0)


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