Betrachtungen eines Unpolitischen

von Felix Menzel vom 21. August 2019.

Vor etwas mehr als einhundert Jahren erschienen Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen. Armin Mohler war der Meinung, daß sie „in den Mittelpunkt der Konservativen Revolution“ zu stellen seien, weil sie eine ganze Generation prägten. Diese Einschätzung ist bereits ein Fingerzeig, wie sehr der Titel des Buches zu Mißverständnissen einlädt.

Denn Mann verfaßte eine Tirade gegen die Demokratie und aufklärerische „Weltbeglückung“. Er giftete unter dem Eindruck des Krieges gegen Frankreich. Dieses Land stehe schließlich für alles, was er ablehne: für Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht und geschwätzige Literatur. Das „Deutschtum“ dagegen charakterisierte er mit den Begriffen „Kultur, Seele, Freiheit, Kunst“.

Das deutsche Volk könne folglich die „politische Demokratie“ niemals lieben. Es fühle sich vielmehr zur Sphäre des Geistes hingezogen. Trotzdem gelang es Mann in seinem voluminösen Essay nicht, in einer dafür angemessenen Sprache ohne Schaum vor dem Mund zu formulieren. Die Betrachtungen eines Unpolitischen hinterlassen somit von der ersten bis zur letzten Seite den Eindruck einer politischen Kampfschrift, wie Mann später auch einräumte.

Heute gibt es vermutlich ähnlich viele Gründe, sich in Rage zu schreiben. Der GleichheitswahnBrüssels sanfter Totalitarismus, der „irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ sowie die täglichen Zumutungen in der Lückenpresse lassen wohl nur diejenigen kalt, die stets zeitgeisthörig waren oder generell desinteressiert sind. Dennoch dürfte es ermüdend sein, sich ausschließlich mit dem Negativen zu beschäftigen. Denn was dann auf der Strecke bleibt, ist frei nach Platon das Wahre, Schöne und Gute.

Wer es deshalb satt hat, der Politik im engeren Sinne seine Aufmerksamkeit zu schenken, sollte zu den gerade in der Edition Sonderwege veröffentlichten konservativen Streifzügen von Roger Scruton greifen. Seine Bekenntnisse eines Häretikers sind das, was die Betrachtungen eines Unpolitischen versprachen. Sie sind vorgetragen in einem angenehm unaufgeregten Ton und kreisen um zeitlose Themen wie die Liebe zu Tieren, Architektur, Tanz, Ikonographie und die Bewahrung der Natur.

Immer geht es dabei um die Verbindung von „Schönheitsliebe und Heimatliebe“. Scruton erkennt darin die zwei Grundpfeiler des Konservatismus, der somit argumentiert: Wir wollen die Natur schützen, weil sie schön ist und nicht etwa, weil wir an die Notwendigkeit eines globalen Limits für Kohlendioxid-Emissionen glauben. Ebenso reduzieren wir Gebäude nicht auf ihre bloße Funktionalität. Sie müssen schön sein, eine Stadt strukturieren und unser kulturelles Erbe weitervermitteln.

Die Bedeutung der Schönheit rührt daher, daß sie als der Einbruch des Transzendentalen in den Alltag betrachtet wird. Angelehnt an Gerhard Nebel ist das Schöne damit ein Ereignis, das jeder erleben kann. Man muß es sich trotzdem erst erarbeiten. Nur wer die Geschichten und Bilder unserer Kultur lesen kann, hat Zugang zur Schönheit.

Ist dies nicht mehr der Fall, wird sich die Masse leicht konsumierbare Identitätssurrogate in der Medienwelt suchen. Den Konservativen und Bildungsbürgern verbleibt dann nur noch eine Form der Selbsttranszendenz als innere Stabilisation. Sie können sich natürlich weiterhin an der Aura von Kunstwerken erfreuen, aber diese Erfahrung nicht mehr mit der gesamten Gesellschaft teilen.

Wie ich in meinem leider bereits vergriffenen Büchlein über Medienrituale und politische Ikonen versucht habe zu zeigen, kann sich eine Nation nur erhalten, wenn sie auf symbolische Vergemeinschaftungen zurückgreift. Wie schwierig es ist, dies in Zeiten des bereits begonnenen Verfalls zu reaktivieren oder neue Ikonen zu schaffen, leuchtet wahrscheinlich schnell ein.

Scruton beschreitet deshalb einen anderen Weg. Trotz seiner Schönheitsliebe kann er Akten der Entweihung, also einem modernen Ikonoklasmus, viel Gutes abgewinnen, wenn sie sich gegen vorherige Entweihungen richten. Mit einem „Zerstöre das Kaputte“ scheint er leben zu können. Denn: „Jemand, der etwas entweiht, das mir heilig ist, greift damit mich in meiner innersten Existenz an. Dieses Heilige repräsentiert in überhöhter Form die Identität und alle dazugehörigen Verpflichtungen, die meinen Platz hier auf Erden bestimmen.“


Roger Scruton: Bekenntnisse eines Häretikers

Während der Zeitgeist einmal mehr nach Utopia entwischt, betrachtet Roger Scruton die sitzengelassene Gegenwart: in zwölf Essays denkt er nach übers Regieren, Bauen und Tanzen, über das Sprechen vom Unsagbaren, über Trauern und Sterben, darüber, wie so getan wird, als ob, wie Leute sich hinterm Bildschirm verstecken, wie Tiere geliebt und Etiketten geklebt werden, über das Bewahren der Natur und die Verteidigung des Westens.

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