Stühle auf die Leinwand

von Stefan Flach vom 19. August 2021.

Eine Erinnerung von vor dreißig Jahren: Der Film Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber des Briten Peter Greenaway kommt in die deutschen Kinos. So gespreizt wie der Titel ist die postmodernistische, d.h. hier menschenverächtliche und dabei gestylt-coole Erscheinungsweise des Films, wobei der minimalistischen Musik von Greenaways Hauskomponisten Michael Nyman ein elegisches Pathos innewohnt, das dem Zynismus des Dargestellten durchaus entgegensteht. In einem Kino in Frankfurt-Sachsenhausen (wer von Frankfurt spricht und keine genauen Areale nennt, agiert als Globalist), der „Harmonie“ nahe dem Lokal- und Südbahnhof, lief der Film wie stets an einem Donnerstag an. Der hier Schreibende sah ihn in der ersten Vorstellung, dann noch einmal am Folgetag, um seinen ersten, frustrierend schlechten Eindruck ggf. zu korrigieren, was der Film jedoch zu vereiteln verstand. Am anschließenden Wochenende geschah etwas, wovon später im Kinofoyer zu lesen stand:

Etliche Zuschauer des Films waren in gleich mehreren Vorführungen derart wütend über den Film, daß sie ihre Polstersitze aus den Angeln rissen und in Richtung Leinwand warfen, worauf nicht nur die Vorführungen abbrachen, sondern der ganze Saal über Wochen repariert werden mußte. Der Regisseur Greenaway gratulierte später dem Kino zu dieser Zuschauerreaktion (der maschinengetippte Brief hing ebenfalls im Foyer), welche genau seinen Hoffnungen für den Film entsprochen hätte. „Dann habe ich alles richtig gemacht.“

Diese Erinnerung scheint heute einer vergangenen, heroisch-sittlichen Zivilisationsepoche zu entstammen. Als nämlich GEWÖHNLICHE Leute an ENTWÜRDIGENDEN Bilddarstellungen noch einen NATÜRLICHEN Anstoß nahmen und sich nicht zu schade waren, diesen auch handfest zu ÄUSSERN. Stellt man sich diese Stühle-Werfer im Heute vor, möchte man sich gar nicht ausmalen, was sie nicht nur gegenüber nihilistischen Film-, sondern tatsächlichen Menschenexperimenten im Weltmaßstab zu tun bereit wären. In dieser Perspektive taugen sie geradezu als Leitbilder, nicht anders als Filmhelden, die man sich früher zum Vorbild nahm, um mit fremdverstärktem (aber dann doch eigenem) Mut eine Herausforderung anzunehmen.

Die Polsterstühle gibt es, wir alle sitzen noch darauf; was uns als Zumutungen vorgesetzt wird, läuft seit 1919, seit 1945, seit 1968, seit 2015, seit 2020 jeweils in Dauerschleifen. Zu sagen, wir müßten nur genügend Mumm fassen, um das uns bindende, bequeme Gestänge auszureißen, wäre nun aber bloß eine billige rhetorische Klammer – jetzt gelesen, nachher vergessen. In dem Greenaway-Film, der überraschenderweise weniger schlecht gealtert ist als viele bessere Werke jener Zeit, ist es letztlich die Nebenfigur des Kochs, die in das Konfliktfeuer der Hauptpersonen springt und den bereits unterlegen Geglaubten Obhut und Beistand bietet, worauf diese ihre Kräfte neu bündeln können. Solche Leute brauchen wir heute. Sind wir sie vielleicht selbst, wenn wir gelassen und stur (wie der Koch) das Richtige tun? In nochmal dreißig Jahren wissen wir’s.

Hartmut Fröschle: Geschichte des deutschen Nationalbewußtseins

Nationalbewußtsein? Der Begriff erscheint im Deutschland des Jahres 2021 reichlich aus der Zeit gefallen. Gegen den anti-nationalen, globalistischen Zeitgeist anschwimmend, erreicht uns Hartmut Fröschles patriotische Nationalgeschichte – zugleich Wissensschatz, Weckruf und Warnung. Sein Buch verfolgt den Lebensweg der Deutschen von der Quelle bis in die Gegenwart, zeichnet große historische Linien und Ereignisse nach, stellt Schlüsselfiguren und Hintergründe vor. Ohne ein Volk mit wachem Sinn für das gemeinsame Schicksal kann keine Nation auf Dauer existieren. Fröschles Untersuchung belegt diese Tatsache – und will wachrütteln. Dem Vergessen unserer heroischen Volkserzählung wirft sich der Autor verständig und erfrischend unapologetisch entgegen. Durch fundierte Kenntnis der Quellen, ausgesuchte Zitate und zahllose inhaltliche Verknüpfungen liefert er ein Panorama kollektiver Selbstvergewisserung – und gibt den Deutschen in schwersten Zeiten neue Hoffnung und Zuversicht.

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