Die Einsamkeit der Zelle

von Felix Menzel vom 10. März 2021.

In der neuen TUMULT ist Werner Sohn mit einem unzeitgemäßen „Plädoyer für das Gefängnis“ vertreten. Er hält Antiaggressionsschulungen und die vielen anderen „pädagogisch-therapeutischen Bemühungen“ im Strafvollzug für wenig effektiv, wenn nicht sogar aus verschiedenen Gründen für kontraproduktiv.

Aufschlußreich findet er hingegen die Berichte von Carl Schmitt, Malcolm X, Nelson Mandela und Thomas Middelhoff über ihre jeweilige Haftzeit. So unterschiedlich diese Personen auch sein mögen, alle unterstrichen, daß die „Einsamkeit der Zelle“ ihnen dabei geholfen habe, innere Freiheit, Selbsterkenntnis und mentale Stärke zu finden. Sohn attestiert dem Gefängnis also „klösterliche Qualitäten“.

Diese Deutung ist insofern weit über Fragen der konkreten Ausgestaltung von Justizvollzugsanstalten interessant, da seit Beginn der Corona-Krise jeder von uns so seine Erfahrungen mit Käfighaltung und Leinenzwang machen mußte. Sollte Sohn richtig liegen, müßte folglich die entschleunigende und asketische „Entdeckung der Langsamkeit“ (Sten Nadolny) viele positive Seiten haben, oder? Corona wäre nach dieser Lesart ein Segen. Endlich Zeit zum ausgiebigen Bücherverschlingen, endlich Zeit für Philosophie und Müßiggang!

Doch wenn dem so wäre, warum nehmen dann psychische Beschwerden massiv zu? Die Antwort könnte lauten, daß Corona uns eben nicht in Ruhe läßt, sondern wir den ganzen Tag in der Hoffnung auf Lockerungen oder in der Erwartung auf neue Katastrophenmeldungen allerlei digitale Endgeräte konsultieren. Die Krise macht viele womöglich hypernervös, während es nur die wenigsten schaffen dürften, im medialen Ausnahmezustand abzuschalten.

Woran das liegt, beschreibt Peter J. Brenner. In seinem neuen TUMULT-Beitrag über den „Corona-Staat“ knüpft er an die Analyse der „Biomacht“ von Michel Foucault an. Der „homo hygienicus“ sei eine „späte Frucht“ der über Generationen wirksamen Disziplinierung der Körper und des Verhaltens. Diese Disziplinierung ziele darauf, den Staat als denjenigen anzuerkennen, der für Gesundheit sorge und Krankheiten bekämpfe. Darüber hinaus läuft eine Internalisierung gewünschter Gewohnheiten ab, die uns zur zweiten Natur werden sollen.

Dieses uns andressierte Verständnis stößt gegenwärtig jedoch an Grenzen. Einerseits können sich Gewohnheiten nur verfestigen, wenn sie beständig gleichbleiben und nicht aller zwei Wochen verändert werden. Andererseits kann der Staat zwar, ganz wie von Foucault geschildert, Infektions- und Todesfälle penibel genau statistisch erfassen. Aber er ist unfähig, aus diesem Datenwust eine kohärente Politik zu entwickeln, weil der Staat durch jahrzehntelange Erosionsprozesse nur noch eine „leere Hülle“ ist, die kaum noch Autorität beanspruchen kann.

Selbst wenn der Lockdown eine zielführende Strategie zur Pandemie-Bekämpfung sein sollte, ließe er sich ohne einen ernstzunehmenden Staat nicht zum Erfolg führen. Frappierend deutlich wird derzeit also, daß die Bundesrepublik zwar eine schier unendliche Kreativität beim Ausdenken neuer Verbote an den Tag legen kann, sie aber schon daran scheitert, die zur Aufrechterhaltung der eigenen Souveränität unabdingbaren Grundaufgaben wie Grenzkontrollen zu erfüllen.

Das Maximum eines solchen Staates sei es, so Brenner, eine „behördliche Lügenwelt“ zu erschaffen, „die sich aus Wahrheiten zusammensetzt“. Was heißt das? Die quantitative Angabe der Toten „mit Corona“ mag stimmen, doch alles, was daraus abgeleitet wird, geht komplett an der Realität vorbei. Fraglich sei nur: „Warum funktioniert es? Warum unterwirft sich die Bevölkerung einem offensichtlich unwirksamen Notstandsregime?“

Vielleicht führt diese Frage zurück zum Ausgangspunkt: Könnte es sein, daß nur jemand, der wirklich die Einsamkeit der Zelle kennengelernt hat, zu echter Erkenntnis fähig ist? Und daß all diejenigen, die beständig zu Ablenkungen verführt werden können, im Endeffekt eben doch nur der Masse folgen und deshalb ihre Füße stillhalten?

Die neue TUMULT, Frühjahr 2021, enthält neben den Beiträgen von Werner Sohn und Peter J. Brenner auch Essays von Egon Flaig, Michael Esders, Frank Lisson und Konrad Adam.

Werner Sohn: Ausländerkriminalität, Rechtsextremismus, Krawall

Werner Sohn war dreißig Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden und in dieser Zeit mit vielen Studien befasst, die im Auftrag des Bundeskriminalamts erstellt wurden.

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