Den Westen verteidigen: Erinnerung an Roger Scruton

von Tano Gerke vom 12. Januar 2021.

Im vergangenen Jahr erlag der britische Philosoph und Vielschreiber Sir Roger Scruton einem Krebsleiden. Am heutigen Dienstag den 12.01.2021 jährt sich erstmalig sein Todestag. Eine Erinnerung an einen konservativen Grundlagendenker.

Es wäre leicht, in Anbetracht der anhaltenden Krise Europas in reinen Fatalismus zu verfallen, sich einsam ins Private zurückzuziehen und allein den schönen Dingen der abendländischen Kultur Beachtung zu schenken. Auch wenn die schönen Dinge in Form von Architektur, Musik, Literatur und Kunst einen großen Raum in dem Werk von Roger Scruton einnehmen, sind seine zeitdiagnostischen Beobachtungen und philosophischen Abhandlungen doch mehr als die reine Musealisierung eines dem Untergang geweihten Kontinents …

In Deutschland sind, vereinfacht ausgedrückt, zwei Formen des Konservatismus in der Öffentlichkeit präsent. Zum einen eine bürgerliche Form, die sich darin erschöpft, progressive Tendenzen verlangsamen zu wollen und zugleich versucht, sich bestmöglich in der Welt der freien Märkte einzurichten. Von Kritikern wird diese Haltung oftmals in polemisch-degradierendem Ton als spießbürgerlich abgetan; sie diene lediglich dazu das gegenwärtige politische System zu stabilisieren und für sich selbst das Bestmögliche herauszuholen. Auf der anderen Seite steht ein sich revolutionär artikulierender Konservatismus, der gleichermaßen als Alternative zur parlamentarischen Demokratie und der sinnentleerten Moderne wahrgenommen werden will. Seine Prämissen sucht er in dem genauen Gegenteil der bürgerlichen Variante, denn er verachtet den Liberalismus und die gesellschaftlichen Konventionen ebenso wie die Aufklärung und den Westen als zivilisatorisches Programm.

„Aufgabe der Konservativen ist es, Kritik an denjenigen zu üben, die den Regierungsauftrag verfehlen und versuchen, ihn über die Grenzen hinaus auszuweiten.“

Im Spannungsfeld dieser beiden Pole vertritt Roger Scruton eine erfrischend moderate Position. Das heißt allerdings nicht, dass Scrutons Philosophie frei von jeglicher Kritik am Liberalismus und den gegenwärtigen Zuständen wäre. Im Gegenteil: Scruton weiß um die Errungenschaften der westlichen Zivilisation, möchte diese schützen und positioniert sich gegen die Angriffe aus dem Inneren der Postmodernisten.

Zugleich weiß Scruton von der historisch-prägenden Dimension des Abendlandes und betont stets die humanistische Rückbindung an die griechische Antike, ebenso fühlt sich der Brite aber auch den Werten der Aufklärung verbunden und verpflichtet. Mehr noch, er leitet seinen Konservatismus und die Wertschätzung der westlichen Zivilisation gar aus diesen Überlieferungssträngen ab. Frei von jeglicher Spur des Rassismus oder Antisemitismus lobt Scruton den Wert des Eigenen und des Besonderen.

Der britische Staatsphilosoph und Ästhet Edmund Burke ist die entscheidende Referenz dieser Form des Konservatismus, dessen Linie Scruton selbstbewusst aufnimmt. Deutlich werden diese Empfindungen in seiner Essaysammlung Bekenntnisse eines Häretikers. Die zwölf konservativen Streifzüge zeigen neben Scrutons thematischer Bandbreite, die von der Jagd über die Verteidigung der Meinungsfreiheit bis zum Tanz reicht, die edle Einfachheit, mit der er seinen Gegenstand betastet, denn konservativ sein heißt nach Scruton, die Gründe dafür zu artikulieren, keine Gründe zu brauchen.

Letzte Formulierung ist nicht unerheblich für Scrutons Werdegang, denn anders als man vermuten könnte, wurde er keineswegs als Konservativer geboren. Aus einfachem Elternhaus stammend wurden die Vulgarität und die Brutalität, mit der die 68er-Generation gegen alle europäischen Traditionsbestände vorgingen, zu einem entscheidenden Erweckungsmoment des jungen Philosophen. Dass sich Scruton dementsprechend gegen die Form des historischen Relativismus positioniert, der den abendländischen Schönheitsbegriff ebenso aushöhlt wie unsere Vorstellung von Natur und Gemeinschaft, ist nur konsequent. Fools, Frauds and Firebrands (2015) lautet der englischsprachige Titel seiner Abrechnung mit den Vordenkern der Neuen Linken. Diese Schrift sucht im deutschsprachigen Raum vergeblich ihresgleichen.

„Tatsächlich ist die Umweltbewegung ein konservatives Thema schlechthin. Sie ist das eindringlichste Beispiel, das wir auf der Welt für das Bündnis zwischen den Toten, den Lebenden und den Ungeborenen haben, jenes Bündnis, das Burke als Urbild des Konservatismus verstanden wissen wollte.“

Scrutons Schaffen verharrt also nicht in einer ausschließlich passiven Haltung, an der jedwede zeitliche Entwicklungen vorbeiziehen, sondern schwingt sich auf zu einer Kritik an Entwicklungen und Tendenzen im Zeitgeist, die sowohl die abendländische Kultur wie die westliche Zivilisation als Ganze bedrohen.

Von Scruton bleibt das Vermächtnis eines Schriftstellers, der sich nicht nur für den Erhalt konservativer Grundtugenden einsetzte und den Wert des Eigenen betonte, sondern gleichermaßen – und vermittels seiner Bücher weiterhin – ein guter Ratgeber für die anhaltende Krisensituation des Westens ist. Denn auch wenn Scruton die schönen Dinge unserer Zivilisation erinnert, ist sein Werk kein reiner Rückblick. Scruton zeigt uns, dass auch in dieser heutigen Welt ein sinnvolles Leben möglich ist.

„Die Welt ist mehr als ein System von Ursachen und Wirkungen, denn sie hat einen Sinn, und dieser Sinn wird enthüllt.“

Bereits einige Monate vor seinem Tod stimmte Sir Roger Scruton dem Vorhaben zu, in seinem Namen eine Stiftung (https://www.scruton.org/)  ins Leben zu rufen, die sein philosophisches Erbe weiterträgt und sich sowohl der abendländischen Kultur als auch der westlichen Tradition verpflichtet.

Roger Scruton: Bekenntnisse eines Häretikers

Während der Zeitgeist einmal mehr nach Utopia entwischt, betrachtet Roger Scruton die sitzengelassene Gegenwart: in zwölf Essays denkt er nach übers Regieren, Bauen und Tanzen, über das Sprechen vom Unsagbaren, über Trauern und Sterben, darüber, wie so getan wird, als ob, wie Leute sich hinterm Bildschirm verstecken, wie Tiere geliebt und Etiketten geklebt werden, über das Bewahren der Natur und die Verteidigung des Westens.

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