Erst Sprachumbau, dann Angriff auf die Lebenswelt!

2020 dechiffrierte Michael Esders das Sprachregime. Der smarte Totalitarismus globalistischer Eliten geht indes noch einen gravierenden Schritt weiter: Damit der Weltumbau gelingt, muss die alte Lebenswelt einer „neuen Normalität“ weichen. Diese neue Normalität soll auf erprobte kulturelle Bestände verzichten. Kann der Umbau dann aber überhaupt langfristig Bestand haben? Im Gespräch mit Manuscriptum klärt Michael Esders auf und warnt vor einem – zugegeben naheliegenden – Trugschluss.

Manuscriptum: Lieber Herr Esders, Sie warnen in ihrem neuen Buch Ohne Bestand vor einem „Absolutismus der Vernunft“. Wie meinen Sie das? Was vergessen jene, die annehmen, in der Politik stünden sich idealistische Ideologen und vernunftbegabte Pragmatiker gegenüber? 

Michael Esders: Diese Warnung ist kein Plädoyer für einen neuen Irrationalismus. Im Gegenteil: Es geht mir in konservativer Perspektive um eine Verteidigung der abendländischen Rationalitätskultur. Gerade deren universellen Gehalte sind in einem hohen Maß eigentümlich, worauf unter anderem Max Weber hingewiesen hat. Sie sind „Bestand“ in dem Sinn, den ich in meinem Buch herausarbeite, und als solcher bewahrens- und verteidigenswert. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Kritik an unseren Traditionen und Überlieferungen, verdanken wir eben diesen Traditionen und kulturellen Beständen. Wohin die Preisgabe dieser Errungenschaften führt, erleben wir gerade schmerzlich.

 „Idealistische Ideologen“ und „vernunftbegabte Pragmatiker“ sind Zuschreibungen, die den Grundkonflikt verfehlen. Die Philosophie im 20. Jahrhundert ist von einer radikalen Kritik an dieser Rationalitätskultur geprägt. Diese wird als repressiv, machtversessen und zutiefst mit Gewalt verstrickt kritisiert und verworfen. Dieses Motiv finden Sie bei ganz unterschiedlichen Denkern: Max Horkheimers Kritik der „instrumentellen Vernunft“ ist in dieser Hinsicht Martins Heideggers Kritik am „rechnenden Denken“ oder Jacques Derridas Kritik am „Logozentrismus“ nicht unähnlich. In allen Fällen entfaltet die Vernunftkritik das ganz große Panorama der Verworfenheit.

In jüngster Zeit erleben wir, wie eine maßlose Kritik und Selbstdekonstruktion in eine neue Megalomanie umschlägt. Die Postmoderne hatte das „Ende der Großen Erzählungen“ ausgerufen. Jetzt spricht Klaus Schwab, der Chef des World Economic Forum, vom „Great Narrative“ der Welttransformation. Diese angemaßte, mit höchsten Dringlichkeiten wie „Klimarettung“ ausgestatte Weltvernunft ist nicht nur bestandsvergessen, sondern auch absolutistisch und in der Tendenz totalitär.

„Gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen“, meißelte Gottfried Benn in Stein. Das läßt sich nicht nur auf soziale Üblichkeiten anwenden, sondern verweist doch vor allem auch auf die natürlichen, materiellen Grundlagen des Lebens und Wirtschaftens. Der „Great Reset“ blieb ja bisher eine weitestgehend folgenlose Parole, weil unsere Gesellschaft sich nicht neu starten lässt, sondern weiter auf Öl, Gas, Kohle und konventionelle Energie-Erzeugung angewiesen ist. Überschätzen Sie deshalb nicht womöglich die ausgerufene Welttransformation und die „Weltvernunft“?

Der Angriff auf die materiellen und wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft, wie er sich zum Beispiel in der bewusst provozierten Energiekrise immer deutlicher abzeichnet, steht nicht im Zentrum meines Buches. Mir geht es primär um die kulturellen, sozialen und geistigen Bestände – die gewachsenen Üblichkeiten der Lebenswelt, die schon erwähnte Rationalitätskultur, den welterschließenden Bedeutungsbestand der Sprache und letztlich die Maßgeblichkeit der Realität selbst. Wenn diese Ressourcen der Selbstverständlichkeit angetastet oder gar vernichtet werden, dann betrifft dies früher oder später auch die materiellen Reproduktionsbedingungen. Ein Beispiel sind die tief in den Alltag eingreifenden Corona-Maßnahmen mit „Social Distancing“, Maskenpflicht, schikanösen Nachweispflichten, Kontrollsystemen und Impfpflicht-Androhung: Wer sich über viele Monate, sogar Jahre teilweise existenzbedrohender staatlicher Willkür ausgeliefert sieht, von dem ist kaum mehr Loyalität gegenüber dem Staat und seinen Institutionen zu erwarten. Es wurde in einem hohen Maß Vertrauenskapital zerstört, was auch ökonomisch negativ zu Buche schlagen wird. Von psychischen und medizinischen Folgen der Maßnahmenpolitik ganz zu schweigen. Eine ganz ähnliche Beobachtung machte Rolf Peter Sieferle in Bezug auf das Migrationsproblem und die kulturelle Fragmentierung der Gesellschaft.

Ihren Befund, der „Great Reset“ sei nur eine folgenlose Parole, teile ich nicht. Die Welttransformations-Programme wie beispielsweise die Agenda 2030 der Vereinten Nationen sind real und werden vor unseren Augen ohne Rücksicht auf Verluste exekutiert. Ich meine nicht nur die Dekarbonisierung, die auf Deindustrialisierung hinausläuft, sondern vor allem auch die digitale Agenda: Digitales Zentralbankgeld, ein nur vorgeblich bedingungsloses Grundeinkommen, die Einführung einer digitalen Identität für alle und schließlich ein Sozialkreditsystem nach chinesischem Vorbild. Die „Pandemie“ war ein erster Testlauf für vergleichsweise primitive Prototypen, weitere werden folgen.

Aber bei den Geschlechter-Dekonstruktivisten ist doch das Ende absehbar. Wenn sie sich nicht mehr fortpflanzen, setzen sich jene durch, die in ihrer Lebenswelt an der polaren Norm festgehalten haben. Als wie wahrscheinlich schätzen Sie es also ein, dass die Bestandsvergessenheit von Dauer ist?

Auch die Dekonstruktion der Geschlechtsidentität wird weiter Fahrt aufnehmen. Der Gendersprech – eine Art Gesinnungsgrammatik – wird in immer mehr Bereichen der Gesellschaft entweder zum wichtigen Distinktionsmerkmal oder sogar obligatorisch. Der Kult der „queeren“ Identitäten ist ungebrochen, und das „Selbstbestimmungsgesetz“ schafft juristisch Fakten.

Ihre Prognose einer natürlichen Limitation nicht-binärer Lebensformen lässt die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin unberücksichtigt. Aber sie lässt eine interessante, typisch konservative Denkweise durchscheinen: Die Erwartung, dass keinen Bestand haben wird, was seine Bestände zerstört. Dass sich also sozusagen die Bestandslosigkeit selbst richtet. Aber genau das ist keinesfalls mehr ausgemacht. Nach der Zerstörung der gewachsenen Gewohnheitsgefüge – ein schöner Begriff von Arnold Gehlen – könnte die Sozialtechnologie das Vakuum füllen. Eine digitalpanoptisch auf Dauer gestellte Bestandslosigkeit: keine schönen Aussichten!

Lassen Sie uns einmal die Sphären der Philosophie und weltgeschichtlichen Tendenzdeutung verlassen: Sie wollen Nahbeziehungen reaktivieren, Enklaven der Lebenswelt kultivieren und fordern einen „bestandsbewussten Widerstand“. Wie soll das konkret gelingen? Das eigene Smartphone zertrümmern, in ein Dorf ziehen und ein biedermeierliches Leben führen? Fehlt diesem Aussteiger-Ansatz nicht der Anspruch auf politisches Handeln?

Wie aus konservativer Sicht ein richtiges Leben im falschen gelingen kann, hat David Engels in seinem Buch „Was tun?“ sehr konkret herausgearbeitet. Seine Empfehlung einer im Kleinen anzustrebenden Autarkie teile ich.

Was die Aussichten großer Widerstandsbewegungen angeht, bin ich sehr skeptisch. Ob Gelbwesten in Frankreich, Querdenker in Deutschland oder die Trucker-Proteste in Kanada – die Erfolge blieben aus. Ein Grund sind immer effektiver angewandte Repressionsmaßnahmen. Zudem hat die Masse als physische Formation stark an Macht verloren, weil der öffentliche Raum in der medialen Panfiktion an Bedeutung eingebüßt hat. Im Verbund haben Massenmedien und Digitalplattformen die Macht, selbst große Massenbewegungen in den toten Winkel der Aufmerksamkeit zu verbannen. Unter diesen Bedingungen ist es unmöglich, die Deutungshoheit über die eigene Bewegung zu erlangen und zu behaupten.

Die megalomanen Umbauprogramme und die Hybris ihrer planetarischen Ambitionen mit einem großen Gegenentwurf zu kontern, wäre weder konservativ noch zielführend. Das Bestandsbewusstsein bewährt sich im Nahbereich, kann sich nur dort bewähren. Das hat nichts mit Biedermeier oder Rückzug zu tun. Bestände sind niemals global oder universell, sondern räumlich begrenzt, arrondiert, am Eigenen ausgerichtet.  

Die Verfechter der Welttransformation stempeln alle zu Extremisten, die auf der Maßgeblichkeit des historisch Gewachsenen und Bewährten beharren. Dabei sind diejenigen, die dessen natürliches Vorrecht ignorieren, selbst die gefährlichsten Extremisten.

Wer die Gewohnheitsgefüge gegen die An- und Übergriffe der Sozialtechnokraten in Schutz nimmt oder auch nur in seinem Habitus Bestandsbewusstsein verkörpert, lebt in Gegnerschaft – ob er will oder nicht. Dies bekamen alle zu spüren, die ihre Lebensform, ihren Alltag gegen die Zudringlichkeit der „Neuen Normalität“ behaupteten. Eine gute Schule übrigens für das, was uns erwartet. Auch wer für Familie in einem nicht beliebig diversifizierbaren Sinn einsteht oder die herrschenden Sprachcodes unterläuft, ist Stachel im Fleisch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Michael Esders: Ohne Bestand

Angriff auf die Lebenswelt.

Die westlichen Gesellschaften zerstören ihre Bestände rückstandslos. Wo man lange Zeit noch Fahrlässigkeit im Transformationsrausch vermuten konnte, steht Vorsatz nun außer Zweifel. Das Hygieneregime seit 2020 und die „Neue Normalität“ im endlos verlängerten Notstand sind nur der verheerendste Angriff in einer langen Reihe.

Michael Esders: Sprachregime

Die Macht der politischen Wahrheitssysteme

Michael Esders inspiziert das Schlachtfeld der Begriffe und Metaphern, das sich auf alle Lebensbereiche ausgeweitet hat. Der Literaturwissenschaftler dechiffriert die „Wahrheitssysteme“ (Michael Kretschmer) der deutschen Politik, die sich über alle diskursiven Gepflogenheiten hinwegsetzen. Er entziffert die Narrative der Willkommenskultur und des menschengemachten Klimawandels, in denen Haltungen über den Common Sense, Mythen über Theorien triumphieren.

Leon Wilhelm Plöcks: Menschendämmerung

Corona und die Große Transformation

In raschem Tempo vollzieht sich eine fundamentale Transformation von Mensch und Welt, die schon bald unumkehrbar sein könnte. Der im Zuge der Corona-Krise etablierte Ausnahmezustand dient einer technokratischen Weltelite als Trojanisches Pferd zur Durchsetzung einer Großen Transformation: der Vertreibung aus der realen in eine von kybernetischen Kontroll- und Steuerungsmechanismen beherrschte virtuelle Welt. Damit zieht eine noch nie dagewesene Form totalitärer Herrschaft herauf. In der neuen Normalität sollen menschliche Freiheit und Eigenverantwortung keinen Platz mehr haben.

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